Monatsarchive: November 2016

Bundespräsidentschaft in Österreich

Die Mutter aller Wahlschlachten

Von Andreas Tögel

Der längste Wahlkampf den die Zweite Republik je erlebt hat, geht in die Endrunde. Der – diesmal hoffentlich finale – Showdown wird am vierten Dezember erfolgen.
Wie bei keiner anderen bundesweiten Wahl zuvor, handelt es sich um einen Lager- und Richtungswahlkampf. Beiden Seiten geht es dabei weniger um Beifallsbekundungen für den eigenen, sondern vielmehr um die Verhinderung des jeweils gegnerischen Kandidaten. Das war bislang noch nie der Fall und wirft ein grelles Licht sowohl auf die Qualität der politischen Auseinandersetzungen als auch auf das zur Verfügung stehende Personal.
Als Anwärter der Linken steigt Alexander Van der Bellen als „unabhängiger“ Kandidat in den Ring. Ob ein 72jähriger Rentner das richtige Signal an die junge Generation ist, die ihre Zukunft nicht, wie er selbst, schon hinter sich hat, sei dahingestellt. Der Mann erfreut sich allerdings seit langer Zeit landesweiter Bekanntheit. Als langjähriger Parteichef der Grünen konnte er sich erfolgreich als radikaler Antikapitalist, Protagonist des Multikulturalismus und vehementer Befürworter des Eurozentralismus in Szene setzen. Schon vor vielen Jahren bekannte er offen seine Präferenz für eine Entwicklung der EU in Richtung eines zentral geführten europäischen Bundesstaates und weg von einer Union voneinander unabhängiger Staaten.
Die Druckerschwärze des Opus Magnum des Beraters der traditionell weit links positionierten französischen Sozialisten, Thomas Piketty, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, war noch nicht recht trocken, da lobte Van der Bellen das antiliberal-marktwirtschaftsfeindliche Werk bereits über den grünen Klee und zwar – nach eigenem Bekunden – noch ehe er es gelesen hatte.
Bei Genossen Van der Bellen weiß der Wähler also, was er im Fall seiner Wahl bekommt: Einen greisen 68er, der in den letzten Jahrzehnten nicht gescheiter geworden ist. Daran ändert auch nichts, dass er sich urplötzlich geradezu völkisch-ländlich-leutselig gibt und im Kreise von Schützen – sogar mit einem alten Karabiner in der Hand – ablichten lässt. Diese peinliche Anbiederung ans Wahlvolk auf dem flachen Lande erhellt lediglich, wie authentisch der Mann agiert.
Dass die linke Schickeria – und selbstverständlich die Kunst- und Kulturschaffenden des Landes -, sich einheitlich auf seine Seite schlagen, verwundert nicht. Auf die Kunst und Kultur, oder was auch immer im sozialistischen Wohlfahrtsstaat dafür gehalten wird, beansprucht die Linke nun einmal ein Monopol. Und dieses „Kulturmonopol“ kann vom Primat der Politik, für das VdB steht wie kaum ein anderer, eben gar nicht genug bekommen.
Weniger einsichtig als die Motive der staatsabhängigen Kulturszene, sind die Beweggründe der zahlreichen Funktionäre der einst bürgerlich-konservativen, seit Ende der 1960er-Jahre notorisch todessehnsüchtigen ÖVP, sich im Wahlkomitee des Linksauslegers zu sammeln. Manche innenpolitische Feinschmecker halten dafür, dass das Engagement dieser (Großteils abgehalfterten, jedenfalls aber extrem unpopulären) Lemuren, in Wahrheit ein raffinierter Schachzug zur Verhinderung eines Erfolgs Van der Bellens sein könnte. Dieser Gedanke hat viel für sich. Denn wer ernsthaft meint, dass die Schützenhilfe derartiger Unterstützer (Namensnennungen unterbleiben aus Gründen der Höflichkeit und wegen §115 StGB) dem Linken tatsächlich zum Vorteil gereichen könnte, sollte so rasch wie möglich seine Medikation überprüfen.
Nicht so einfach ist die Einschätzung des „rechten“ Gegenkandidaten, Norbert Hofer von der FPÖ. Bis zum Zeitpunkt der Bekanntgabe seiner Kandidatur, war der verhältnismäßig junge Mann (JG 1971) der breiten Öffentlichkeit Großteils unbekannt. Die von ihm seit drei Jahren ausgeübte Tätigkeit als dritter Präsident des Nationalrats ist ja nicht gerade glamourös zu nennen und vorher wurde er von der Öffentlichkeit so gut wie überhaupt nicht wahrgenommen.
Immerhin ist bekannt, dass Hofer – anders als sein Gegner und wenn auch nur für wenige Jahre – sein Geld außerhalb geschützter Werkstätten verdient und nicht nur von Steuergeld gelebt hat. Immerhin. Dass er Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft ist, löst bei den Mietmäulern und –Schreibern der Hauptstrommedien naturgemäß Pawlow´sche Beißreflexe aus. Dass sein Gegner mit den Kommunisten sympathisiert (hat), ist andererseits überhaupt kein Problem. Selbst Kinderschänder und muslimische Mordbrenner scheinen bei der Presse im Land der Hämmer in höherem Ansehen zu stehen als ein „Deutschnationaler“. Nach wie vor gilt das Motto der vierten Gewalt im Staate: „Lieber ein Geschwür am After als ein deutscher Burschenschafter“. Über die Glaubwürdigkeit der Medienszene im Allgemeinen und den Sinngehalt dieser Einstellung gegenüber „Rechten“ im Besonderen, möge sich jedermann selbst ein Urteil bilden.
Die durch die letzten Wahlergebnisse düpierten Meinungsforscher geben sich bedeckt und sprechen ebenso vorsichtig wie nichtssagend von einen „Kopf-an-Kopf-Rennen“.
An dieser Stelle sei nun eine Prognose gewagt, selbst auf die Gefahr hin, den Wunsch zum Vater des Gedankens gemacht zu haben: Die unübersehbare Tatsache, dass derzeit beiderseits des Atlantiks die systemkritischen Kräfte das politische Momentum auf ihrer Seite haben, spricht für einen Erfolg Norbert Hofers, da er als Exponent einer „dissidenten“ Politik wahrgenommen wird. Viele von der täglich servierten, ekelhaften rotschwarzgrünen Einheitsgrütze angewiderte Bürger erblicken in einer Stimme für Hofer ein taugliches Mittel, es „denen da oben“ einmal so richtig zu zeigen.
Dass sich die veröffentliche Meinung und faktisch alle (und zwar nicht nur die linken) Systemschranzen mit Van der Bellen solidarisieren, wird dem mutmaßlich genauso viel nutzen, wie das soeben bei Hillary Clinton der Fall war.
Das Maß ist voll. Die Mehrheit giert nach einen politischen Wechsel. Dass der mit der Wahl Norbert Hofers natürlich nicht eintreten wird, steht auf einem anderen Blatt. Der symbolische Wert seines Erfolges – als Schuss vor den Bug der Nomenklatura – wäre indes gar nicht hoch genug einzuschätzen.



Buchbesprechung: Der Fluch des Geldes

Gegen Kenneth Rogoffs Vorstellungen verblassen selbst George Orwells Dystopien

Von Andreas Tögel

Der Harvard-Professor und ehemalige Chefökonom des IWF, Kenneth Rogoff, hat sich in den letzten Jahren als scharfer Gegner des Bargeldes profiliert. Im vorliegenden Buch erläutert er die Gründe dafür, sowie die technischen Möglichkeiten, die von ihm präferierte bargeldlose Welt zu verwirklichen.
Er stützt seine Überlegungen auf zwei zentrale Thesen: Zum einen diene das Bargeld – und in Sonderheit die großen Scheine – primär der Steuerhinterziehung und der organisierten Kriminalität. Und zum anderen hindere die Verfügbarkeit baren Geldes die Zentralbanken daran, den Leitzins deutlich unter die Nulllinie zu treiben, was die Möglichkeiten der Geldpolitik limitiere. Dass der Staat über die von ihm beherrschte Zentralbank, absolute Macht über Geldmenge und Zins haben muss, steht für Rogoff außerhalb jeder Diskussion. Dass sowohl Zentralbanken, als auch Negativzinsen mit einer (von allen Adjektiven freien) Marktwirtschaft unvereinbar sind, ficht ihn deshalb nicht an, weil er – wie alle Aktivisten des politisch-monetären Komplexes – ein glühender Befürworter einer gelenkten Kommandowirtschaft ist.
Dass er – als Bewunderer des linken französischen Ökonomen Thomas Piketti („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) und des deutschen Obskurantisten Silvio Gesell – den von Karl Marx erfundenen Begriff „Ausbeutung “ in seiner Argumentation verwendet, kann daher kaum überraschen. In einer Schrift, die sich wissenschaftlich gibt, hat eine derartige Wertung indes nichts verloren.
Rogoff zeigt keinerlei Interesse für die Anliegen privater (Wirtschafts-)Akteure. Alle Überlegungen des Autors sind vielmehr darauf gerichtet, einer (möglichst zentralistisch organisierten) Bürokratie alle nur möglichen Mittel zur Global- und Feinsteuerung sämtlicher Wirtschaftsabläufe zu verschaffen. Die totale Kontrolle über das Geldwesen ist hierfür ein ganz wesentlicher Aspekt.
Die geradezu obsessiv erscheinende Leidenschaft, mit der Rogoff immer wieder die „dunkle Seite des Geldes“ als Mittel zur Verwirklichung krimineller Machenschaften ins Zentrum seiner Überlegungen rückt, klingt überdeutlich nach „haltet den Dieb!“ Denn dass es ja die Regierungen sind, die in nahezu allen von Rogoff beschworenen Beispielen ihre Hand an der Wiege der organisierten Kriminalität haben (sei es durch eine erratische Sicherheits- und Drogenpolitik, durch Steuern in konfiskatorischem Ausmaß, durch kontraproduktive Lenkungsmaßnahmen, wie die Einführung von Mindestlöhnen, etc.), wird von ihm mit keinem Wort erwähnt.
Alle Wirtschaftssubjekte unter Generalverdacht zu stellen, um damit eine Totalüberwachung des Bürgers zu begründen – und zwar durch die einzige Organisation, die über tödliche Zwangsgewalt verfügt und die selbst vor keinem Verbrechen zurückschreckt, kann schwerlich der Weisheit letzter Schluss sein. Es erscheint aberwitzig, ein seit Jahrtausenden erprobtes Tauschmittel allein deshalb eliminieren zu wollen, weil eine kleine Minderheit es zur Abwicklung dunkler Machenschaften missbraucht!
Wenn Rogoff Dostojewski mit dem Satz zitiert: „Geld ist geprägte Freiheit“, so ist dem uneingeschränkt zuzustimmen. In einer Welt ohne Bargeld ist der Mensch auf einen rechtslosen Sklaven im Dienste der Regierung reduziert. Wer kann das wollen

Der Fluch des Geldes
Kenneth S. Rogoff
Finanzbuchverlag 2016
350 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-89879-966-9
24,99,- Euro



Debakel für die Demoskopie – Machtwechsel in den USA

Was hat Europa zu erwarten?

Von Andreas Tögel
Nach dem sagenhaften Debakel der unter der Bezeichnung „Demoskopie“ firmierenden Kaffeesudleserei anlässlich des Brexit, ist nun die nächste Pleite zu verzeichnen: Der Darling der Hauptstrommedien, die unvergleichliche Hillary Clinton, unterlag – entgegen allen Prognosen – im Rennen um die US-Präsidentschaft einem von der Presse zum Hanswurst erklärten Außenseiter. Nachdem am frühen Vormittag des 9. 11. klar war, dass der 45. Präsident der USA Donald Trump heißt, erfasste die Reihen der veröffentlichen Meinung das blanke Entsetzen: Wie konnte es nur geschehen, dass die Wähler nicht dem Rat der europäischen und US-amerikanischen Medien folgten, sondern stattdessen einen „sexistischen Rassisten“ zum Präsidenten kürten? Offensichtlich, so die herbe Selbstkritik, konnten die Meinungsbildner dem Wahlvolk nicht so recht klarmachen, wie toll sozialistische – Pardon – demokratische Politik doch wirkt. Ein Jammer.
Wie, in aller Welt, soll es nun weitergehen? Kann die Welt unter diesen Umständen überhaupt zur Normalität zurückfinden? – Nicht auszudenken, wenn zu allem Unglück in Ösiland auch noch Norbert Hofer in die Hofburg einziehen sollte! Müssen sich rechtschaffene Linke weltweit auf ein Exil auf dem Mars einstellen?
So schlimm wird es wohl nicht kommen. Zunächst allerdings ist, wie es schon nach dem Brexit der Fall war, für einige Zeit mit einer verstärkten Unsicherheit der Marktakteure zu rechnen. Nervöse Schwankungen bei den Aktienindizes, eine (zumindest kurzfristige) Abschwächung des US-Dollars gegenüber dem Euro und ein Anstieg des Goldpreises sind Indikatoren dafür. Und da im Vorfeld der Wahlen ein Sieg Trumps von den Märkten für unwahrscheinlich gehalten und daher nicht eingepreist wurde, könnte es noch zu zum Teil kräftigen Kursabschlägen kommen. Kapitalanleger lieben eben berechenbare Zustände – keine neue Erkenntnis.
Immerhin wäre von einer Präsidentschaft Clintons weiterhin „business as usual“ zu erwarten gewesen. Donald Trumps wirtschaftspolitische Ziele korrekt einzuschätzen, ist dagegen wesentlich schwieriger – widersprüchlich, wie sie sich zum Teil darstellen.
Was ist aus europäischer Sicht zu erwarten? Vielleicht sollte an dieser Stelle zunächst einmal das allerwichtigste gesagt werden, das nun nicht eintreten wird: Nämlich eine weitere Verschlechterung der Beziehungen der USA zu Russland – einschließlich einer möglichen militärischen Konfrontation. Dieser Punkt ist von immenser Bedeutung. Hillary Clinton hatte Präsident Obama ja wiederholt für dessen „laxe Haltung gegenüber Putin“ kritisiert und für den Fall ihrer Wahl u. a. eine Verstärkung der US-Marinepräsenz im Mittelmeer (und andere klar gegen Russland gerichtete Aktivitäten) angekündigt. Die wird es nun – zum Verdruss des militärisch-industriellen Komplexes in den USA – nicht geben.
Eine Verbesserung der russisch-amerikanischen Beziehungen, wird zweifellos auch für Europa eine Entspannung – und den Anfang vom Ende der autodestruktiven Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland – bedeuten. Eine Normalisierung der Beziehungen zum militärisch mächtigen und energiepolitisch wichtigen Nachbarn im Osten, würde aus europäischer Sicht alle negativen Entwicklungen locker kompensieren, die sich mit Trumps Wahl möglicherweise verbinden könnten.
Da wären an erster Stelle seine freihandelskritischen Aussagen zu nennen. Der von ihm propagierte „Schutz von US-Unternehmen“ deutet klar auf die (Wieder-)Einführung wirtschaftsprotektionistischer Maßnahmen hin. Allerdings sind Zweifel angebracht, dass diese Suppe so heiß auf den Tisch kommt, wie sie im Wahlkampf gekocht wurde. Immerhin weisen die USA seit Jahren ein veritables Handelsbilanzdefizit aus, was im Klartext bedeutet, dass der amerikanische Wohlstand zum Teil auf dem Import von Waren aus dem Ausland (hauptsächlich aus Asien) gründet, die mit bunt bedrucktem Papier bezahlt werden, das die FED in jedem beliebigen Umfang – und das nahezu kostenlos – produzieren kann. Was also sollte für die USA durch neue Handelshemmnisse per Saldo zu gewinnen sein?
Auch Geld- und Fiskalpolitik unter Trump sind sehr schwer einzuschätzen. Die Ankündigung massiver Steuersenkungen bildete ja ein Kernstück seines Wahlkampfs. Steuersenkungen bedeuten aber nun einmal, wenn zugleich keine Ausgabensenkungen erfolgen (und die sind angesichts der von ihm angekündigten Investitionen in die Infrastruktur nur schwer vorstellbar), eine weitere Expansion der Staatsschulden, was ihm mit Sicherheit kräftigen Gegenwind aus den Reihen der eigenen Partei eintrüge. Man denke dabei an die – zurecht – harte Haltung der Republikaner gegenüber der Budgetpolitik der Obama-Administration.
Tendenziell wird Trumps Politik stärker in Richtung Isolationismus („America first“) gehen – mit allen Konsequenzen, die sich damit militärisch und wirtschaftspolitisch verbinden. Europa und Japan werden künftig mehr Geld für die militärische Sicherheit in die Hand nehmen müssen. Trump wird weniger Ambitionen zeigen als seine Vorgänger, weiterhin den Weltpolizisten zu spielen.
Sollte der Euro, durch die geänderte US-Politik bedingt, nachhaltig gegen den Dollar aufwerten, wäre das jedenfalls ein starkes Alibi für die Fortsetzung der inflationistischen Politik der EZB unter Mario Draghi.
Prognosen sind bekanntlich schwierig, speziell wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Eines kann indes einigermaßen gefahrlos geweissagt werden: Wir stehen vor interessanten Zeiten.



New Deal auf Alpenrepublikanisch: Eine Bankrotterklärung

Von Andreas Tögel

Der von den Medien mit Unmengen an Vorschusslorbeeren bedachte Nachfolger des glücklosen Werner Faymann, kündigte, kaum ins Amt gestolpert, einen „New Deal“ an, um der heimischen Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen. Wer, wenn nicht der erfahrene „Manager“ eines beispiellos erfolgreichen Unternehmens wie der Bundesbahn, so die Überzeugung der stets zur Anbiederung an die Machtelite bereiten Journaille, könnte ein solches Projekt im Land der verzagten Bremser und überzeugten Verhinderer denn sonst stemmen?
Dass das vom Kanzler zum Vorbild erkorene US-Original, das unter Führung des demokratischen Sozialfaschisten F. D. Roosevelt in den 30er-Jahren verwirklicht wurde, auf eine zentralistisch organisierte Wirtschaftslenkung, flankiert durch eine Stärkung der Gewerkschaften und eine weitgehende Entrechtung und Enteignung der Unternehmer hinauslief, scheint die wenigsten Kommentatoren zu stören. Alle haben den Begriff artig übernommen.
Daran, dass dem bis in die Unterwolle rot gefärbten „Macher“ Kern exakt das von Roosevelt ins Werk gesetzte Programm vorschwebt, bestehen keine Zweifel. Ein Mann, der die Welt nur aus der Perspektive wettbewerbsfreier Staatsbiotope und den Markt und dessen Mechanismen nur vom Hörensagen kennt, kann gar nicht anders, als an die segensreiche Hand des Staates und eine rigoros gesteuerte Planwirtschaft zu glauben.
Hätte es noch eines weiteren Beweises für die totale wirtschaftspolitische Inkompetenz der Regierung unter Kanzler Kern bedurft, so wäre der mit der eben präsentierten „Reform“ der Gewerbeordnung endgültig erbracht worden. Hatten liberale Beobachter schon lange deren drastische Entrümpelung gefordert, ist nun das genaue Gegenteil eingetreten: Die Zahl der reglementierten Gewerbe wurde nicht etwa reduziert, sondern sogar um eines auf 81 vergrößert. Der Umstand, dass es sich dabei ausgerechnet um jenes des Hufschmieds handelt, veranlasste einen Ökonomen der liberalen Denkfabrik „Agenda Austria“ zum launigen Kommentar, dass die Regierung damit – „140 Jahre nach Erfindung des Ottomotors – keine Sekunde zu früh dran“ sei.
Wäre es nicht zum Heulen, könnte man über diesen unvergleichlichen Unfug glatt in Gelächter ausbrechen. Denn er verrät das zutiefst obrigkeitshörige Denken aller daran Beteiligten, in dem für privaten Tatendrang, Kreativität und Initiative kein Platz ist. Ohne staatliches Placet; ohne Brief und Siegel aus der Hand von Amtspersonen, die nie einen Betrieb von innen gesehen haben einen Hammer nicht einmal halten können, darf in Kakanien eben nicht einmal ein Hufeisen produziert werden.
Das ist schlicht verrückt – besonders im Hinblick auf Deutschland, wo ebenfalls ein duales Modell der Berufsausbildung praktiziert und mit wesentlich weniger Regulierungen das Auslangen gefunden wird: Dort ist in nur noch sechs Gewerben der Meisterbrief die Voraussetzung zur Selbständigkeit – ohne dass dadurch die Qualität des Angebots merklich gelitten hätte.
Dass sich ausgerechnet die ÖVP-dominierte Wirtschaftskammer, die, so sollte man zumindest annehmen, ein grundlegendes Interesse daran haben müsste, den Zugang zur beruflichen Selbständigkeit so weit wie möglich zu erleichtern, als erfolgreiche Reformbremserin betätigt, ist besonders deprimierend. Die überflüssige Zwangsvertretung der Unternehmer sinkt damit auf dasselbe Niveau, auf dem sich die vermeintlichen Arbeitnehmervertretungen, die mit Blick auf die Konsequenzen ihres Treibens, die in Wahrheit übelsten Feinde der werktätigen Massen sind, längst befinden.
Staat und Kammern als Chancenkiller hieß es an dieser Stelle kürzlich. Mit der nun abgelieferten Karikatur einer Reform, wurde ein weiterer Nagel zum Sarg des „abgesandelten“ Wirtschaftsstandorts (© WKO-Kapo Leitl) geschmiedet. Und das ganz ohne Meisterbrief und Gewerbeschein.



Endspurt im US-Wahlkampf

Von Andreas Tögel

Clinton vs. Trump – das ist Brutalität

Während der Präsidentschaftswahlkampf in Österreich lustlos vor sich hindümpelt, geht es in den USA täglich heißer her. Der bereits sicher geglaubte Sieg der Ex-außenministerin könnte im letzten Moment doch noch gefährdet sein. Natürlich geht es in den USA um etwas mehr als in der Alpenrepublik. Wird dort schließlich darüber entschieden, wer in den kommenden Jahren die einzige Weltmacht (Zbigniew Brzezinski) führen wird, während in der Alpenrepublik nur der (finanziell allerdings höher dotierte) Posten eines mehr oder minder überflüssigen Grüßonkels zur Disposition steht.
Während die auflagenstarke „Kronen-Zeitung“ am 2. 11. mit der Schlagzeile „Trump überholt Clinton“ aufmacht, gibt sich in der einstmals bürgerlichen „Presse“ die Linksauslegerin Sibylle Hamann in ihrem Gastkommentar besorgt, dass die demokratische Geschlechtsgenossin am Ende doch noch unterliegen könnte. Und zwar weil sie – so ungerecht ist die heteronormative Welt, die immer noch von sexistischen Schwanzträgern regiert wird – einfach nicht ins weibliche Rollenschema passen will.
Frauen, so Hamann in ihrem Sermon, könnten es einfach nie richtig machen. Würden sie sich wie Frauen geben (also friedlich kultiviert, nett und freundlich), kritisierte man sie als durchsetzungsschwach. Betrügen sie sich indes wie Männer (also brutal, gefühl- und rücksichtslos), würde das deshalb abgelehnt, weil es unweiblich wäre. Was ist die Welt doch (zumindest aus Sicht linker Emanzen) für ein elendes Jammertal!
Dass Hillary Clinton (wie auch ihr Mann) der Inbegriff des abgehobenen, arroganten und verlogenen Systemschranzen verkörpert, scheint Frau Hamann zwar schon irgendwie mitgekriegt zu haben. Sie bewertet dies aber keineswegs negativ (wie wohl alle im besten Einvernehmen mit den Mächtigen stehenden Lohnschreiber). Dass Clinton sich bei den Fernsehdebatten offenbar einen unfairen Vorteil gegenüber ihrem Gegner verschafft hat, indem sie sich die zu stellenden Fragen vorab mitteilen ließ, stört Hamann indes überhaupt nicht. Im Kampf gegen einen notorisch „frauenfeindlichen“ und „rassistischen“ Kapitalisten (gibt es eigentlich irgendetwas Negatives, das Trump in den Augen des linken Meinungshauptstroms nicht verkörpert?) ist natürlich alles erlaubt.
Fazit: Würde der US-Präsident von europäischen Journalisten gewählt, hätte Hillary den Sieg vermutlich mit einer 85%igen Mehrheit in der Tasche (bei Obama wären es noch 10% mehr gewesen). Warum das so ist, erschließt sich selbst auf den dritten Blick nicht so recht, wenn man das Augenmerk nicht auf medial aufgebauschte Plattitüden, sondern aufs Wesentliche richtet.
Sicher, es gibt kaum einen Fettnapf, in den der politisch wenig erfahrene Immobilientycoon nicht getreten wäre. So waren etwa seine Aussagen zu Latinos und Frauen sicher alles andere als clever. Aber was wiegt das gegen die Tatsachen, die gegen Hillary Clinton sprechen? Sie ist eine Frau, die ein offensichtlich sehr entspanntes Verhältnis zur Wahrheit pflegt. Eine Frau, die ihr Lebtaglang in jenem ekelhaften Sumpf verbracht hat, der jedes Machtzentrum beiderseits des Atlantiks charakterisiert. Eine Person, die niemals einen Cent mit ehrlicher Arbeit – also unter Marktbedingungen – verdient hat. Eine in der Wolle gefärbte Linke, die nicht davor zurückschreckt, zu behaupten, Arbeitsplätz würde nicht durch Unternehmen, sondern durch den Staat(!) geschaffen.
Aus europäischer Sicht am allerschlimmsten aber: Clinton steht dermaßen eng mit dem politisch-militärischen Komplex des Landes und den außenpolitischen „Falken“ Washingtons im Bunde, dass sie glatt imstande scheint, einen Krieg mit Russland vom Zaun zu brechen. Das jedenfalls lassen zahlreiche ihrer Äußerungen und insbesondere ihre Kritik an der „weichen“ Haltung des amtierenden Präsidenten gegen Putin befürchten.
Gegen diesen Katalog verblassen selbst die peinlichsten Einlassungen und Ungeschicklichkeiten des erfolgreichen Wirtschaftsmagnaten vollständig, der dem politischen Establishment (und zwar nicht nur dem der Demokraten!) aus gutem Grund ein Dorn im Auge ist.
Die Wahl zwischen einem „Horrorclown“ und einer pathologisch machtgeilen Kriegstreiberin zu haben, ist nicht sonderlich beglückend, sollte den Amerikanern aber nicht schwerfallen. Anders als in Österreich, gibt es in den USA sowohl ein starkes zentralisierungs- und regierungskritisches Lager, als auch einen gewissen Sinn für Fairness. Vielleicht haben die Clinton-fans also doch ein bisserl zu früh gejubelt. Für Europa wäre das ein Segen.



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