Buchempfehlung: Testosteron macht Politik

Von Andreas Tögel

Im vorliegenden Buch widmet sich die ehemalige Diplomatin und Nahostexpertin Karin Kneissl, der Analyse politischer Dynamiken. Sie wählt dafür einen ungewöhnlichen Blickwinkel und richtet ihre Beobachtungen auf das „Männlichkeitshormon“ Testosteron.
Dabei geht es ihr, wie sie betont, nicht um den Versuch, mit „biologistischen“ Überlegungen politisches Handeln (das insbesondere im Nahen, Mittleren und Fernen Osten meist fast ausschließlich in der Hand von Männern liegt) zu erklären, sondern lediglich um eine Erweiterung der Analyse politischer Entwicklungen um einen zusätzlichen Aspekt.
Ausgehend von der Beobachtung, dass Revolutionen stets von Männern getragen werden, zieht die Autorin ihre Schlüsse aus dem „arabischen Frühling“, um zum Schluss zu kommen, dass dieser keineswegs allein durch den Wunsch bedingt war oder ist, politische Veränderungen herbeizuführen, sondern auch sexuell konnotierte Ursachen hat. In den stark wachsenden und sexuell repressiven orientalischen Gesellschaften, sieht eine immer größer werdende Zahl junger Männer keine Chance, jemals eine Familie gründen zu können. Da außerehelicher Sex in muslimischen Kulturen aber strikt verpönt ist, ergibt sich daraus ein erhebliches Potenzial an Unzufriedenheit, das politischen Sprengstoff bildet.
Die Eroberung der Welt durch europäische Seefahrernationen im 15. Und 16 Jahrhundert, war eine Folge des Überschusses an jungen Männern, die in der Ferne (kriegerische) Entwicklungsmöglichkeiten fanden, die sich ihnen daheim niemals eröffnet hätten. Heute dagegen schrumpf die westliche Population, während die islamische Welt mit einem gewaltigen „youth-bulge“ konfrontiert ist. Perspektivlose junge Männer waren und bilden aber nun einmal Sprengstoff, der nach Entladung sucht. Sie waren und sind Kanonenfutter, jenes „Material“, dessen Vorhandensein die Voraussetzung zu politisch-militärischen Eroberungen bildet.
Als einen die Probleme fernöstlicher Gesellschaften verstärkenden Aspekt (dies gilt besonders für Indien und China), beleuchtet Kneissl das Phänomen der „selektiven Abtreibungen“, das die Geschlechterverteilung immer weiter in Richtung eines massiven Männerüberschusses verschiebt. Viele Millionen junger Männer werden dadurch jeder Chance beraubt, jemals eine Frau zu finden – mit unabsehbaren Konsequenzen, wie der Blick in die Geschichtsbücher (Stichwort „Raub der Sabinerinnen“) zeigt.
Im letzten Teil widmet die Autorin sich den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung, die nahezulegen scheinen, dass es mit dem freien Willen des Menschen nicht so weit her sein könnte. Viele in diesem Zusammenhang zu stellende Fragen sind bislang indes unbeantwortet.
Kneissl: „Politik wird eben von Menschen gemacht und daher ist es nützlich und wichtig, sich mit der Natur des Menschen zu beschäftigen.“ In der Natur des Menschen liegt es aber, nicht ausschließlich rational begründete Entscheidungen zu treffen. Es bedarf einer erheblichen Zivilisationsleistung, um Gefühle, die von Hormonen maßgeblich gesteuert werden, zu kontrollieren und zu zügeln.
Mit ihrem „biochemischen Blick auf die Weltpolitik“ geht es der Autorin weniger um Antworten, sondern darum, Fragen zu stellen. Ein zum besseren Verständnis menschlichen Handelns wertvolles Unterfangen.

Testosteron macht Politik
Krin Kneissl
Braumüller-Verlag
149 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-99100-068-6
22,90,- Euro


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