Führungskräfte des Militärs!

Gedanken zum Werteprofil

So sehr sich die zeitgebundenen äußeren Erscheinungsformen des militärischen Dienstes ändern, so unwandelbar sind die sittlichen Gesetze, geistigen Grundlagen und seelischen Werte des Soldatentums, aus denen sich das soldatische Handeln in der Wirklichkeit erst vollenden kann. Der geistige und sittliche Gehalt des Soldatentum, der im Berufssoldaten seine höchste Ausprägung erfährt, muss von diesem nicht nur gefühlsmäßig empfunden, sondern auch erkenntnismäßig erfasst werden. Je mehr er hier zur Klarheit vordringt, umso deutlicher wird ihm der Sinn seiner Aufgabe. Er begreift, dass er sein Ich vor den Dienst an der großen Sache so positionieren muss, dass er damit der Auftragserfüllung, der Gemeinschaft und vor allem sich selber „nicht im Wege“ steht. Er soll durch Bildung und Erziehung lernen, seinen Beruf vom höchsten Standpunkt aus zu erkennen. Die Berufstätigkeit, die ein Mensch auf Dauer verrichtet, übt einen geistigen und seelisch formenden Einfluss auf seine Persönlichkeit aus. Dieser Einfluss geht meist so weit, dass er auch äußerlich in Miene, Gebärden, Haltung und Sprache zum Ausdruck kommt. Voraussetzung ist, der Mann oder die Frau erfüllen in einer soldatischen Umgebung Dienst, wo der soldatischen Ordnung und Führung ein entsprechender Stellenwert eingeräumt wird. Die zivile Gesellschaft folgt anderen Regeln als der Soldatenstand.

Ein Schuster, Bäcker, Lehrer, Fließbandarbeiter oder Sozialarbeiter hat völlig andere Aufgaben, und da wären oben genannte militärische Formen ebenso hinderlich, wie beim Militär zivile Formen meist kontraproduktiv sind. All dies ist in der Praxis auch gut zu beobachten – vor allem in Armeen, die sehr einsatzbezogen ausgebildet, ausgerüstet, organisiert und vor allem einsatzgerecht erzogen werden. Tradition ist Sache des Militärs, für die zivile Gesellschaft reicht Firmengeschichte und Brauchtum. Reduziert man Tradition also auf Firmengeschichte und Brauchtum, so entsteht eine „uniformierte Zivilgesellschaft mit Waffentrageerlaubnis“, die nicht einmal „zivilisiert“ sein muss. Ich selbst habe in dieser Hinsicht mehrere „Umwertungen“ und „Paradigmenwechsel“ im Heer erlebt und konnte feststellen: Je dünner die Decke des Soldatischen war, desto mehr wurde auf (unerreichbare) Vorbilder verwiesen, und der Vorkämpfer trat somit in den Hintergrund. Dabei konnte oder kann niemand genau sagen, warum und wann jemand ein Vorbild ist. Ist es die gesamte Persönlichkeit, oder reicht fragmentarisch vorbildliches Verhalten, oder ist es ein charismatischer „Säulenheiliger“? Was auch immer. Ich meine, mit dem Begriff des Vorkämpfers tut man sich schon leichter. Da weiß sofort jedermann, wer und was das ist.

Es gibt vorzügliches Verhalten und nachahmenswerte Handlungen im täglichen Dienstbetrieb. Es gibt immer wieder Soldaten, die zeigen, wie man es machen soll und die vorführen, wie es sein soll. Keiner dieser Menschen aber nimmt für sich in Anspruch, ein „Vorbild“ zu sein. Vorkämpfer sind eher gefragt: Kommandanten, die Mut, Treue, Kameradschaft und Zivilcourage ernst nehmen und in diesem Sinne leben. Leadership ist die schönste Ausprägung des Vorkämpfers. Oder noch klarer gesagt, Vorkämpfer ist das deutsche Wort für Leadership. Dabei ist es oft so, dass der „Monopolbetrieb Bundesheer“ Idealisten sehr bald die Zähne zieht. Soldatische Tugenden und soldatische Traditionen werden oft nur sehr bedingt geschätzt – wer will schon ein „Antityp“ zur Zivilgesellschaft sein. Denn wer ist nicht stolz darauf, voll und ganz zur Zivilgesellschaft zu gehören? Grundsätzlich wäre es ja gut, über „soldatische Vorbilder“ zu diskutieren und die militärische Tradition mit Sinn zu erfüllen.

Wir sollten aber nach jahrtausendelanger beeindruckender kriegsgeschichtlicher Erfahrung doch wissen, was Soldat-Sein bedeutet und verlangt. Geschriebene Erfahrung gibt es ja genug. Wer also das soldatische Verhalten im Einsatz und im Krieg als Teil der Erziehung und Ausbildung haben möchte, braucht es nur in die Vorschriften und Curricula hineinzuschreiben und konsequent abzuverlangen, also die Soldaten zu erziehen. Und – wie schreibt die Vorschrift „Truppenführung“ so einleuchtend: „Moral bildet sich nicht von selbst“ und auch nicht durch „Wunschdenken“, wie die Erfahrung lehrt. Moralbildung ist ein langer Erziehungsprozess. Moral zu schaffen und zu festigen bedarf ständiger Bemühungen aller militärischen Kommandanten. Die heutige Armee sucht den Mann und die Frau, die als Vorkämpfer diese soldatischen Tugenden vorleben und in der Berufsidee aufgehen. Grundlage dieser Berufsidee aber sind die soldatischen Tugenden. Daher ist die innere, die charakterliche Haltung wichtiger als die geistigen Kräfte!



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