Die Rede Howard Roarks

Aus Ayn Rand´s „Fountainhead“

Ayn Rand´s „Fountainhead“ handelt vom jungen Architekten Howard Roark der in New York lebt und versucht sich als Architekt durchzusetzen. Anders als die überwältigende Mehrheit der Architekten und Architekturkritiker glaubt Howard Roark nicht daran das in der Architektur alles bereits erreicht worden ist und man nur von den alten Meistern „kopieren“ sollte sondern hat seine eigenen Überzeugungen und Vorstellungen wie er Gebäude entwerfen und bauen möchte. Dabei lässt er sich von trotz vieler Hindernisse die ihm in den Weg gelegt werden nicht abbringen.

Roark entwirft für seinen alten Bekannten Peter Keating einen Sozialbau. Diesen soll Keating unter seinem Namen vorstellen und bauen. Die einzige Bedingung die Roark stellt ist das nichts an seinem Entwurf verändert werden darf. Keating bricht die Vereinbarung und baut das Gebäude mit zahlreichen Veränderungen.

Nachdem Roark den Bau gesprengt hat kommt es zu einem Prozess gegen ihn. In diesem Prozess ergreift Howard Roark nur zum Schlussplädoyer das Wort und erklärt seine Beweggründe. Die Geschworenen erklären ihn darauf für unschuldig.

Das Buch, welches jedem einfällt wenn man ihn auf Ayn Rand anspricht ist ohne Zweifel „Atlas Shrugged“. Aber auch „Fountainhead“ verdient große Anerkennung. Hier legt Ayn Rand ihr Menschenbild da. Wenn man Ayn Rand und ihre Philosophie verstehen möchte führt kein Weg an der Lektüre von „Fountainhead“ vorbei.


„Vor Jahrtausenden entdeckte ein Mensch als Erster wie man Feuer macht. Vermutlich wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt, den anzuzünden er seine Brüder gelehrt hatte. Er wurde als Hexer angesehen, der mit einem von der Menschheit gefürchteten Dämon im Bunde stand. Aber danach hatten die Menschen Feuer, um sich zu wärmen, um ihre Nahrung zu kochen, um ihre Höhlen zu erleuchten. Er hatte ihnen ein Geschenk hinterlassen, das ihre Vorstellungskraft übertraf, und er hatte die Finsternis von der Erde genommen. Viele Jahrhunderte später erfand ein Mensch als Erster das Rad. Vermutlich wurde er auf der Erfindung, die er seine Brüder zu bauen gelehrt hatte, zu Tode gefoltert. Er wurde als Missetäter angesehen, der sich auf verbotenes Gebiet gewagt hatte. Aber danach konnten die Menschen die fernsten Horizonte überwinden. Er hatte ihnen ein Geschenk hinterlassen, das ihre Vorstellungskraft übertraf, und er hatte den Grundstein für die Straßen durch die Welt gelegt.

Dieser Mensch, der unnachgiebige und erste, steht am Beginn jeder Sage, die die Menschheit über ihre Anfänge im Gedächtnis bewahrt hat. Prometheus wurde an einen Felsen geschmiedet und von Geiern zerfleischt – weil er den Göttern das Feuer gestohlen hatte. Adam wurde zum Leiden verdammt – weil er von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen hatte. Welche Sage auch immer, im Dunkel ihrer Erinnerung war sich die Menschheit bewusst, dass all ihr Glanz von einem Einzelnen ausgegangen war und dass dieser Einzelne für seinen Mut bezahlt hatte.

In allen Jahrhunderten hat es Menschen gegeben, die erste Schritte auf neuen Wegen taten und keine andere Waffe besaßen als ihre Vision. Ihre Ziele unterschieden sich, doch dies verband sie alle: dass ihr Schritt der erste war, ihr Weg neu, ihre Vision kein Abklatsch und die Reaktion, der sie begegneten, Hass. Die großen Schöpfer – die Denker, die Künstler, die Wissenschaftler, die Erfinder – standen allein gegen die Menschen ihrer Zeit. Jeder große neue Gedanke wurde bekämpft. Jede große neue Erfindung wurde angeprangert. Der erste Motor wurde als lachhaft angesehen. Das Flugzeug wurde als unmöglich angesehen. Der mechanische Webstuhl wurde als unmoralisch angesehen. Die Anästhesie wurde als sündhaft angesehen. Doch die Menschen mit ihrer von niemand erborgten Vision gingen vorwärts. Sie kämpften, sie litten, sie bezahlten. Aber sie siegten.

Kein Schöpfer war je von dem Wunsch geleitet, seinen Brüdern zu dienen, denn seine Brüder wiesen das Geschenk zurück, das er ihnen bot. Das Geschenk zerstörte die träge Routine ihres Lebens. Seine Wahrheit war sein einziges Motiv. Seine eigene Wahrheit und seine eigene Arbeit, um das, was er wollte, auf seine eigene Weise zu erreichen. Eine Symphonie, ein Buch, eine Maschine, eine Philosophie, ein Flugzeug oder ein Gebäude – das war sein Ziel und sein Leben. Nicht die, die das, was er geschaffen hatte, hörten, lasen, benutzen, glaubten, steuerten oder bewohnten. Die Schöpfer, nicht ihre Nutznießer. Die Schöpfung, die die Vorteile, die andere daraus zogen. Die Schöpfung, die seiner Wahrheit Gestalt verlieh. Über allem und gegen alle hielt er fest an seiner Wahrheit.

Seine Vision, seine Kraft, sein Mut kamen aus ihm selbst. Und was aus einem Menschen selbst kommt, das ist sein Geist. Das, was ihm Bewusstsein gibt. Denken, Fühlen, Urteilen, Handeln sind Funktionen des Ego.

Die Schöpfer waren nie selbstlos. Das ganze Geheimnis ihrer Kraft liegt darin, dass sie sich selbst genügt, sich selbst begründet, sich selbst erzeugt. Der Ursprung, als Energiequelle, als Lebenskraft, als Primum Movens. Der Schöpfer dient nichts und niemand. Er lebt nur für sich selbst.

Und allein weil er nur für sich selbst lebt, kann er die Leistungen vollbringen, die den Glanz der Menschheit ausmachen. Darin liegt das Wesen alle großen Leistungen.

Der Mensch kann nur mittels seines Verstandes überleben. Er kommt wehrlos zur Welt. Sein Gehirn ist seine einzige Waffe. Die Tiere erlangen ihre Nahrung durch Kraft. Der Mensch hat keine Klauen, keine Fänge, keine Hörner, keine starken Muskeln. Er muss seine Nahrung pflanzen oder sie erjagen. Um zu pflanzen, muss er einen Denkprozess vollziehen. Um zu jagen, braucht er Waffen, und um Waffen herzustellen, muss er einen Denkprozess vollziehen. Von dieser einfachsten Notwendigkeit bis zu sublimsten religiösen Abstraktion, vom Rad bis zum Wolkenkratzer, beruht alles, was wir sind, und alles, was wir haben, auf einem einzigen Attribut des Menschen: der Logik seines Verstandes.

Doch der Verstand ist ein Attribut des Individuums. So etwas wie ein kollektives Gehirn oder ein kollektives Denken gibt es nicht. Wenn eine Gruppe von Menschen sich auf etwas einigt, ist das lediglich ein Kompromiss oder ein aus vielen individuellen Gedanken gebildeter Durschnitt. Eine sekundäre Folge. Die primäre Handlung – der Denkprozess – muss von jedem Einzelnen für sich allein vollzogen werden. Wir können eine Mahlzeit mit vielen Menschen teilen. Wir können sie aber nicht in einem kollektiven Magen verdauen. Kein Mensch kann seine Lungen benutzen, um für einen anderen zu atmen. Kein Mensch kann sein Gehirn benutzen, um für einen anderen zu denken. Alle körperlichen und geistigen Funktionen sind privat. Sie können weder geteilt noch übertragen werden.

Wir ererben die Ergebnisse des Denkens anderer Menschen. Wir ererben das Rad. Wir bauen einen Karren. Aus dem Karren wird ein Automobil. Aus dem Automobil wird ein Flugzeug. Das was wir in diesem langen Prozess von anderen empfangen, ist immer nur das Endprodukt ihres Denkens. Die bewegende Kraft ist die schöpferische Fähigkeit, die dieses Produkt als Material übernimmt, es benutzt und den nächsten Schritt in die Wege leitet. Diese schöpferische Fähigkeit kann nicht weitergegeben oder empfangen, nicht geteilt oder ausgeborgt werden. Sie gehört einzelnen Individuen. Was sie erschafft, ist das Eigentum des Schöpfers. Die Menschen lernen voneinander. Aber alles Lernen ist lediglich ein Austausch von Material. Niemand kann einem anderen seine Denkfähigkeit abtreten. Und doch ist diese Fähigkeit unser einziges Mittel, um zu überleben.

Nichts auf der Welt wird dem Menschen geschenkt. Alles was er braucht, muss erzeugt werden. Und hier steht er vor der grundlegenden Alternative: Er kann nur auf zwei Arten überleben – durch die unabhängige Arbeit seines eigenen Verstandes oder als Schmarotzer, der von der Verstandsarbeit anderer lebt. Der Schöpfer erzeugt. Der Schmarotzer erborgt. Der Schöpfer tritt der Natur allein entgegen. Der Schmarotzer tritt der Natur über einen Makler entgegen.

Der Schöpfer ist bestrebt, die Natur zu erobern. Der Schmarotzer ist bestrebt, Menschen zu erobern.

Der Schöpfer lebt für sein Werk. ER braucht niemand anders. Sein primäres Ziel liegt in ihm selbst. Der Schmarotzer lebt aus zweiter Hand. Er braucht andere. Die anderen sind sein leitendes Motiv.

Das grundlegende Bedürfnis des Schöpfers ist Unabhängigkeit. Der Verstand vermag unter keiner Form von Zwang zu arbeiten. Er darf keiner Rücksicht angepasst, geopfert oder unterworfen werden. ER braucht totale Unabhängigkeit bei der Wahl seiner Mittel und Zwecke. Für den Schöpfer sind alle Beziehungen zu anderen sekundär.

Das grundlegende Bedürfnis des Schmarotzers ist die Sicherung seiner Verbindungen zu Menschen, durch die er leben kann. Für ihn stehen Beziehungen an erster Stelle. Er erklärt, der Mensch sei dazu da, anderen Mensch zu dienen. Er predigt Altruismus.

Altruismus ist die Doktrin, die verlangt, dass man für andere lebt und andere über sich selbst stellt.

Niemand kann für einen anderen leben. Er kann seinen Geist so wenig mit anderen teilen wie seinen Körper. Der Schmarotzer hat den Altruismus als Instrument der Ausbeutung benutzt und die sittlichen Grundlagen der Menschheit auf den Kopf gestellt. Den Menschen ist beigebracht worden, den Schöpfer auf jede erdenkliche Weise zu vernichten. Den Menschen ist beigebracht worden, Abhängigkeit als Tugend anzusehen.

Der Mensch, der versucht für andere zu leben, ist abhängig. Er ist auf Grund seines Motives ein Schmarotzer, und er macht Schmarotzer aus denen, denen er dient. Er schafft ein Verhältnis wechselseitiger Korrumpierung – sonst nichts. Sein Konzept ist realisierbar. Was ihm in der Realität am nächsten kommt – der Mensch, der lebt, um anderen zu dienen -, ist der Sklave. Wenn Leibeigenschaft widerwärtig ist, um wie viel widerwärtiger ist das Konzept geistiger Versklavung? Der Besiegt, der zum Sklaven geworden ist, besitzt noch eine Spur von Ehre. Er hat das Verdienst, dass er sich gewehrt hat und dass er seinen Zustand als schmachvoll empfindet. Doch der Mensch, der sich im Namen der Liebe freiwillig versklavt, ist das niedrigste aller Geschöpfe. Er würdigt den Menschen herab, und er würdigt den Begriff der Liebe herab. Dies aber ist das Wesen des Altruismus.

Den Menschen ist beigebracht worden, die höchste Tugend sei nicht das Schaffen sondern das Geben. Aber man kann nur geben, was zuvor geschaffen worden ist. Die Schöpfung geht der Verteilung voraus – sonst gibt es nichts zu verteilen. Das Bedürfnis des Schöpfers geht dem Bedürfnis jedes möglichen Nutznießers voraus. Doch uns wird beigebracht, den Schmarotzer, der nicht von ihm geschaffene Gaben verteilt, mehr zu bewundern als den, der die Gaben ermöglicht hat. Wir preisen wohltätiges Handeln, und wir tun schöpferisches Handeln achselzuckend ab.

Den Menschen ist beigebracht worden, es sei ihre erste Pflicht, das Leiden anderer zu lindern. Aber Leiden ist eine Krankheit. Wenn man einem Kranken begegnet, versucht man, ihm Linderung zu verschaffen und ihm zu helfen. Wenn man dies zum höchsten Gradmesser der Tugend macht, macht man das Leiden zum wichtigsten Teil des Lebens. Dann muss man andere leiden stehen wollen – damit man tugendhaft sein kann. Darin liegt das Wesen des Altruismus. Der Schöpfer widmet sich nicht der Krankheit, sondern dem Leben. Dessen ungeachtet haben die Schöpfer eine Krankheit nach der anderen ausgerottet, körperliche und geistige, und mehr Leiden gelindert als jeder Altruist in seinen kühnsten Träumen.

Den Menschen ist beigebracht worden, es sei eine Tugend, mit allen anderen übereinzustimmen. Aber der Schöpfer widerspricht ihnen. Den Menschen ist beigebacht worden es sei einen Tugend, mit dem Strom zu schwimmen. Aber der Schöpfer schwimmt gegen den Strom. Den Menschen ist beigebracht worden, es sei eine Tugend zusammenzuhalten. Aber der Schöpfer hält sich abseits.

Den Mensch ist beigebracht worden, das Ego sei gleichbedeutend mit dem Bösen und Selbstlosigkeit sei das Ideal der Tugend. Aber der Schöpfer ist ein Egoist im absoluten Sinne, und der selbstlose Mensch ein Wesen, das nicht denkt, nicht fühlt, nicht urteilt und nicht handelt. Denn dies sind Funktionen des Selbst.

In diesem Punkt ist die grundlegende Verkehrung tödlich. Ein perverses Ideal lässt dem Menschenkeine Alternative mehr – und keine Freiheit. Die Pole des Guten und des Bösen wurden ihm mit zwei Begriffen vorgestellt: Egoismus und Altruismus. Egoismus bedeute, dass man andere opfert, um sich selbst zu nützen, Altruismus, dass man sich selbst opfert, um anderen zu nützen. Das hat den Menschen unwiderruflich an andere Menschen gebunden und ihm nur die Wahl gelassen, für andere zu leiden oder andere für sich leiden zu lassen. Als dann noch hinzugefügt wurde, die Selbstaufopferung müsse einem Freude bereiten, war die Falle zu. Der Mensch war gezwungen, Masochismus als Ideal zu akzeptieren – unter der Drohung, dass Sadismus die einzige Alternative war. Dies war der größte Betrug, der jemals an der Menschheit verübt wurde.

Dies war der Trick, durch den Abhängigkeit und Leiden als Grundlagen des Lebens verewigt werden sollten. Aber die Entscheidung fällt nicht zwischen Selbstaufopferung und Herrschaft. Sie fällt zwischen Unabhängigkeit und Abhängigkeit. Zwischen dem Kodex des Schöpfers und dem Kodex des Schmarotzers. Das ist die grundlegende Frage. Sie beruht auf der Alternative zwischen Leben und Tod. Der Kodex des Schöpfers geht aus den Bedürfnissen des tätigen Verstandes hervor, der es dem Menschen erlaubt zu überleben. Der Kodex des Schmarotzers geht aus den Bedürfnissen eines Verstandes hervor, der nicht überlebensfähig ist. Alles, was aus dem unabhängigen Ego des Menschen fließt, ist gut. Alles, was aus der Abhängigkeit des Menschen von Menschen fließt, ist schlecht.

Der Egoist im strengsten Sinne ist nicht derjenige, der andere opfert. Er ist derjenige, der über dem Bedürfnis steht, andere für seine Zwecke zu benutzen. Was er schafft, schafft er nicht durch sie. Er hat mit ihnen in nicht Wesentlichem etwas zu tun. Weder hinsichtlich seiner Ziele noch hinsichtlich seiner Motive, weder hinsichtlich seines Denkens, noch hinsichtlich seiner Wünsche, noch hinsichtlich der Quelle seiner Energie. Er lebt nicht für andere, und er verlangt von anderen nicht, dass sie für ihn leben. Das ist die einzige mögliche Form der Brüderlichkeit und der gegenseitigen Achtung zwischen Menschen.

Die Grade der Fähigkeiten sind unterschiedlich, aber das Grundprinzip bleibt das gleiche: der Grad der Unabhängigkeit, der Initiative und der persönlichen Liebe eines Menschen zu seiner Arbeit bestimmt seine Begabung als Arbeiter und seinen Wert als Mensch. Unabhängigkeit ist der einzige Gradmesser menschlicher Tugend und menschlichen Werts. Das, was ein Mensch ist und was er aus sich macht; nicht was er hat oder für andere Menschen tut. Es gibt keinen Ersatz für persönliche Würde. Es gibt keinen anderen Maßstab für persönliche Würde als Unabhängigkeit.

In allen anständigen Beziehungen von Menschen untereinander gibt es keine Opfer, die der eine dem anderen bringt. Ein Architekt braucht Auftraggeber, doch er ordnet seine Arbeit nicht ihren Wünschen unter. Sie brauchen ihn, aber sie lassen sich kein Haus bauen, bloß um ihm einen Auftrag zu verschaffen. Die Menschen tauschen ihre Arbeit in freiem, gegenseitigem Einverständnis zu gegenseitigem Vorteil aus, wenn ihre persönlichen Interessen miteinander im Einklang stehen und wenn sie beide den Tausch wollen. Wenn sie ihn nicht wollen, sind sie nicht gezwungen, sich zu einigen. Sie können sich anderweitig umsehen. Das ist die einzige mögliche Form der Beziehung zwischen Gleichgestellten. Jede andere Beziehung ist die zwischen Knecht und Herr oder zwischen Opfer und Henker.

Kein Werk wird je kollektiv geschaffen, durch Mehrheitsbeschluss. Jede schöpferische Arbeit wird durchgeführt nach einem einzelnen, individuellen Plan. Ein Architekt benötigt sehr viele Helfer, um ein Gebäude zu errichten. Doch er lässt sie nicht über seinen Entwurf abstimmen. Sie arbeiten auf Grund einer freien Vereinbarung zusammen, und jeder ist auf seinem Gebiet frei. Ein Architekt verwendet Stahl, Glas, Beton – Material, das andere hergestellt haben. Aber das Material bleibt auch Stahl, Glas und Beton, bis er es anrührt. Was er daraus macht, ist sein individuelles Produkt und sein individuelles Eigentum. Nur so können Menschen anständig zusammenarbeiten.

Das erste Grundrecht des Menschen ist das Recht auf sein Ego. Die erste Pflicht des Menschen ist die Pflicht gegen sich selbst. Sein Sittengesetz lautet, nie andere zu seinem Hauptzweck zu machen. Seine sittliche Verpflichtung lautet, das zu tun, was er für richtig hält, vorausgesetzt, dass dies nicht in erster Linie von anderen abhängt. Darin eingeschlossen ist die ganze Sphäre seines schöpferischen Vermögens, seines Denkens, seiner Arbeit. Aber nicht darin eingeschlossen ist die Sphäre des Gangsters, des Altruisten und des Diktators.

Der Mensch denkt und arbeitet allein. Doch er kann nicht allein rauben, ausbeuten oder herrschen. Raub, Ausbeutung und Herrschaft setzen Opfer voraus. Das bedeutet Abhängigkeit. Das Revier des Schmarotzers.

Herrscher über Menschen sind keine Egoisten. Sie schaffen nichts. Sie existieren allein durch die Person anderer. Ihr Ziel liegt in ihren Untertanen, in deren Versklavung. Sie sind so abhängig wie der Bettler, der Sozialarbeiter und der Bandit. Die Form der Abhängigkeit spielt keine Rolle.

Aber den Menschen wurde beigebracht, Schmarotzer – Tyrannen, Kaiser, Diktatoren – als Exponenten des Egoismus anzusehen. Durch diesen Betrug wurden sie dazu gebracht, das Ego zu vernichten, ihr eigenes und das der anderen. Der Zweck dieses Betrugs war, die Schöpfer zu vernichten. Oder ihnen Zaumzeug anzulegen. Was auf das Gleiche hinausläuft.

Seit den Anfängen der Geschichte stehen sich die beiden Antagonisten gegenüber: der Schöpfer und der Schmarotzer. Als der erste Schöpfer das Rad erfand, tat der erste Schmarotzer den Gegenzug. Er erfand den Altruismus.

Der Schöpfer – verleugnet, bekämpft, verfolgt, ausgebeutet – machte weiter, schritt aus und trug die ganze Menschheit auf seinen Schultern voran. Der Schmarotzer steuerte nichts zu der Entwicklung bei, außer Hindernisse. Der Widerstreit hat noch einen anderen Namen: Individuum gegen Kollektiv.

Das so genannte Gemeinwohl eines Kollektivs – einer Rasse, einer Klasse eines Staates – war immer der Anspruch und die Rechtfertigung jeder Tyrannei, die über Menschen errichtet wurde. Alle großen Gräueltaten der Geschichte wurden im Namen eines altruistischen Motives begangen. Hat eine einzige eigennützige Handlung jemals ein solches Blutbad angerichtet wie der Altruismus mit seinen Jüngern? Liegt die Schuld in der Heuchelei der Menschen oder in der Natur des Prinzips? Die grauenhaftesten Schlächter handelten aus aufrichtiger Überzeugung. Sie glaubten, man könne eine vollkommene Gesellschaft durch Guillotine und Erschießungs-Kommandos verwirklichen. Niemand zweifelte an ihrem Recht zu morden, weil sie für einen altruistischen Zweck mordeten. Man fand sich damit ab, dass Menschen für andere Menschen geopfert werden mussten. Die Handelnden wechseln, aber der Verlauf der Tragödie bleibt der gleiche. Ein Philanthrop tritt mit Erklärungen über Menschenliebe auf und watet schließlich in ein Meer von Blut. Das geht so weiter und wird immer so weiter gehen, solange Menschen glaube, eine Handlung sei gut, solange sie selbstlos ist. Das gestattet dem Altruisten zu handeln und zwingt seine Opfer, es zu dulden. Die Führer kollektivistischer Bewegungen verlangen nicht für sich selbst. Aber was kommt dabei heraus?

Das einzige Gute, was Menschen für andere tun können, und der einzige Ausdruck für akzeptable Beziehungen unter Menschen ist: Hände weg!

Sehen Sie sich die Ergebnisse einer Gesellschaft an, die auf dem Prinzip des Individualismus aufgebaut ist. Dieses, unser Land. Das edelste Land der Menschheitsgeschichte. Das Land der größten Leistungen, des größten Wohlstands, der größten Freiheit. Das Land, das nicht gegründet ist auf selbstlosen Dienst, auf Opfer, auf Verzicht oder irgendeine Vorschrift des Altruismus. Es ist gegründet auf das Recht des Menschen, sein Glück zu suchen. Sein eigenes Glück. Nicht das Glück eines anderen. Ein privates, persönliches, eigennütziges Motiv. Sehen Sie sich die Ergebnisse an. Horchen Sie in Ihr eigenes Gewissen.

Es ist ein uralter Konflikt. Die Menschen sind der Wahrheit nahe gekommen, aber die Wahrheit wurde jedes Mal zerstört, und eine Zivilisation nach der anderen fiel in Trümmer. Zivilisation ist der gesellschaftliche Prozess der Ausdehnung der Privatsphäre. Das ganze Dasein des wilden ist öffentlich, ist beherrscht von Gesetzen seines Stammes. Zivilisation ist der Prozess der Befreiung des Menschen von den Menschen.

Doch nun ist in unserer Zeit das alte Monster – der Kollektivismus, die Herrschaft der Schmarotzer und der Zweitklassigen – durchgegangen und läuft Amok. Es hat die Menschen auf einen Tiefstand intellektueller Verrohung heruntergebracht, wie es ihm auf der Welt noch nicht gegeben hat. Es hat einen Grad beispielloser Grausamkeit errichtet. Es hat allen den Verstand vergiftet. Es hat den größten Teil Europas verschlungen. Es frisst sich in unser Land.

Ich bin Architekt. Ich erkenne anhand des Prinzips, nach dem etwas gebaut wird, was daraus entsteht. Wir gehen einer Welt entgegen, in der zu leben ich mir nicht gestatten darf.

Jetzt wissen Sie warum ich Cortlandt gesprengt habe.

Ich habe Cortlandt entworfen. Ich habe es Ihnen geschenkt. Ich habe es zerstört.

Ich habe es vernichtet weil ich es so nicht gewollt hatte. Es war doppelt monströs. In seiner Gestaltung und in seiner Voraussetzung. Ich musste beides in die Luft jagen. Die Gestaltung war verstümmelt durch zwei Schmarotzer, die sich das Recht anmaßten, etwas verbessern zu wollen, was sie nicht geschaffen und dem sie nichts entgegen zu setzen hatten. Man ließ sie auf Grund der allgemein gemachten Voraussetzung gewähren, dass der altruistische Zweck Vorrang vor allen Rechten hat und dass mir keine Ansprüche dagegen zustanden.

Ich habe mich aus einem einzigen Grund bereit erklärt, Cortlandt zu entwerfen. Ich wollte es so errichtet sehen, wie ich es entworfen hatte. Das war der von mir geforderte Preis für meine Arbeit. Er wurde nicht gezahlt.

Ich mache Peter Keating keine Vorwürfe. Er war machtlos. Er hatte einen Vertrag mit seinen Auftraggebern. Der Vertrag wurde ignoriert. Keating war zugesagt, dass der Bau nach dem von ihm eingereichten Entwurf errichtet würde. Die Zusage wurde nicht eingehalten. Die Liebe eines Menschen für die Integrität seines Werks und sein Recht, sie zu schützen, wird heute als vages, unwesentliches Gedankengebilde angesehen. Sie haben es den Staatsanwalt sagen hören. Warum wurde das Gebäude entstellt? Völlig grundlos. Solche Handlungen haben nie Gründe – außer der Eitelkeit irgendwelcher Schmarotzer, die glauben, ein Recht auf jedermanns Eigentum zu haben, sei es geistiges oder materielles Eigentum. Wer hat ihnen erlaubt, das zu tun? Eigentliche niemand. Dutzende waren zuständig. Aber niemand fühlte sich veranlasst, es zu erlaube oder zu verhinder. Niemand war verantwortlich. Das ist das Wesen allen kollektiven Handelns.

Ich habe das von mir verlangte Honorar nicht erhalten. Aber die Eigentümer haben bekommen, was sie für Cortlandt von mir brauchten. Sie wollten einen Plan für einen so billig wie möglich zu errichtenden Bau. Sie haben niemand anders gefunden, der das Problem zu ihrer Zufriedenheit lösen konnte. Ich konnte es und habe es löst. Sie haben den Ertrag meiner Arbeit genommen und sich meine Arbeit von mir schenken lassen. Aber ich bin kein Altruist. Ich mache keine Geschenke solcher Art.

Man sagt, dass ich das Zuhause der Armen zerstört habe. Dabei wird vergessen, dass die Armen dieses Zuhause ohne mich nie gehabt hätten. Diejenigen, die sich um die Armen sorgen, mussten zu mir kommen, der sich nie um die Armen gesorgt hat, damit sie ihnen helfen konnten. Man glaubt, dass die Armut der günstigen Bewohner diesen ein Recht auf meine Arbeit gibt. Dass ihre Bedürftigkeit einen Anspruch auf mein Leben beinhaltet. Dass es meine Pflicht war, alles zu tun, was man von mir verlangt. Das ist das Credo des Schmarotzers, das jetzt die Welt verschlingt.

Ich bin hier, um zu sagen, dass ich niemand das Recht auf nur eine einzige Minute meines Lebens gebe. Oder auf irgendeinen Teil meiner Fähigkeiten. Oder auf irgendeine meiner Leistungen. Wer und wie viele sie auch immer sind, die solche Ansprüche erheben, und wie groß ihre Bedürftigkeit sein mag.

Ich bin hierher gekommen, um zu sagen, dass ich ein Mensch bin, der nicht für andere lebt.

Das musste einmal gesagt werden. Die Welt versinkt in einer Orgie der Selbstaufopferung.

Ich bin hierher gekommen, um zu sagen, dass die Integrität des schöpferischen Werks eines Menschen wichtiger ist als jede Art von Wohltätigkeit. Diejenigen, die das nicht verstehen, sind diejenigen, die die Welt zerstören.

Ich bin hierher gekommen, um meine Prinzipien darzulegen. Ich bin nicht bereit, nach anderen Prinzipien zu leben.

Ich erkenne keine Verpflichtung gegen Menschen an außer einer: ihre Freiheit zu achten und mich nicht mit einer Gesellschaft von Sklavenhaltern einzulassen. Meinem Land will ich gerne die zehn Jahre schenken, die ich im Gefängnis verbringen muss, falls es mein Land nicht mehr gibt. Ich werde sie im Gedanken und in Dankbarkeit an das verbringen, was mein Land einmal war. Es wird ein Akt der Treue sein, meine Weigerung, in der Welt zu leben und zu arbeiten, die an seine Stelle getreten ist.

Ein Akt der Treue gegenüber jedem Schöpfer, der je gelebt hat und der unter der Macht leiden musste, die verantwortlich ist für das Cortlandt, das ich gesprengt habe. Gegenüber jeder qualvollen Stunde der Einsamkeit, der Verleugnung, der Frustration, der Erniedrigung, die ihm auferlegt wurde – und gegenüber den Kämpfen, die er gewonnen hat. Gegenüber jedem Schöpfer, dessen Name wir nicht kennen – und gegenüber jedem Schöpfer, der gelebt und gekämpft hat und namenlos zerbrochen ist, bevor er sein Werk vollenden konnte. Gegenüber jedem Schöpfer, dessen Körper oder Geist zerstört wurde. Gegenüber Henry Cameron. Gegenüber Steven Mallory. Gegenüber einem Mann, der nicht genannt werden will, der aber in diesem Gerichtssaal sitzt und weiß, dass ich von ihm spreche.“

Von Niklas Seggewiß (Freitum)



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