Buchempfehlung: Die Eroberung Europas durch die USA

Ältere Semester werden sich noch der kritischen Berichterstattung über die USA entsinnen, als die in Vietnam einen schmutzigen Krieg führten. Antiamerikanismus war damals en vogue. 40 Jahre nach Kriegsende hat sich das Blatt entscheidend gewendet: Während die USA und ihre Verbündeten die Hand an der Wiege so gut wie jeden Unruhe- und Kriegsherdes zwischen dem Fernen Osten und Nordafrika haben, fällt ausgerechnet Russland – und insbesondere „Zar“ Putin – die Rolle des alleinigen Gottseibeiuns dieser Welt zu.

Ein differenziertes Bild der russischen Politik zu zeichnen oder gar Kritik am aggressiven Interventionismus der USA und der NATO zu üben, ist strengstens verpönt. Wer es dennoch wagt, wird umgehend als „Putin-Versteher“, Totalitarist und Demokratiegegner diffamiert. Die dabei flächendeckend zur Anwendung kommenden, moralischen Doppelstandards sind mehr als bemerkenswert: So ist etwa längst vergessen, dass im Zuge der Balkankrise rund um den Status des Kosovo, auf eine europäische Hauptstadt (Belgrad) westliche Bomben fielen. Dagegen ist die „Annexion“ der Krim durch Russland (in Wahrheit war es eine friedvolle Sezession von der Ukraine, die von einer überwältigenden Bevölkerungsmehrheit gewünscht wurde!), bei der kein einziges menschliches Opfer zu beklagen war, für die gleichgeschalteten Westmedien ein unerhörter Skandal, der angeblich geeignet sein soll, den internationalen Frieden zu gefährden. Dass die NATO seit dem Zerfall der Sowjetunion alles daran setzt, Russland militärisch einzukreisen und wirtschaftlich zu destabilisieren, ist keine Zeitungsmeldung wert.

Der Autor schildert die Ereignisse vor, während und nach dem Putsch gegen die russlandfreundliche, rechtmäßig amtierende Regierung der Ukraine und deren Ersatz durch einen Klüngel vom Westen unterstützter Oligarchen. Man sieht sich unwillkürlich an das Jahr 1953 erinnert, als im Iran die unerwünschte Regierung Mohammad Mossadeghs von westlichen Geheimdiensten weggeputscht wurde.

Dass die durch einen Coup d´état an die Macht gelangte, westlich orientierte Regierung der Ukraine, im Osten des Landes einen brutalen Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt, wird geflissentlich ausgeblendet. Das wirft die Westpresse dafür umso hartnäckiger dem Staatschef Syriens vor, der den Interessen der USA im Wege steht.

Wer Zbigniew Brzezińskis Buch „Die Einzige Weltmacht“ gelesen hat, weiß, dass es in der Ukraine um nichts anderes als um Geopolitik geht (der Mann war Berater der Präsidenten Johnson und Carter und ist bis heute als „Mastermind“ hinter der US-Außenpolitik anzusehen). Für die USA ist es nämlich entscheidend, die Bildung eines stabilen eurasischen Blocks zu unterbinden. Einen Keil zwischen Russland und Westeuropa zu treiben, ist dafür unerlässlich. Das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist vielmehr in Brzezińskis Opus Magnum, das auch heute noch das Credo der US-Geopolitik bedeutet, minutiös nachzulesen.

Dass die militärisch impotente EU sich – zum wirtschaftlichen und politischen Schaden ihrer eigenen Bürger – sklavisch in den Dienst der von Brzeziński beschriebenen Weltmachtambitionen der USA stellt, ist geradezu deprimierend.

Die Eroberung Europas durch die USA
Zur Krise in der Ukraine
Wolfgang Bittner
Verlag Westend
191 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-86489-120-5
14,99,- Euro


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