Die Kultur der Inflation

**von Andreas Tögel**

Im Rahmen der heuer zum zehnten Mal in Bodrum über die Bühne gegangenen
Konferenz der von _[Hans-Hermann
Hoppe](http://www.misesde.org/?p=3087)_ ins Leben gerufenen „Property and Freedom Society“, hielt
der an der Universität von Angers lehrende Nationalökonom [_Guido Hülsmann_](http://www.misesde.org/?p=3094) einen Vortrag
zu obigem Thema.

Wie er bereits in seinem Buch „Krise der Inflationskultur“ ausführt, übt
Geldinflation einen maßgeblichen Einfluss auf die politische und kulturelle
Entwicklung einer Gesellschaft aus. Kultur versteht sich in diesem
Zusammenhang als _„die Gesamtheit dessen, wie wir Dinge tun“_. Diese
wird durch Inflation verändert – etwa in Richtung einer zunehmenden
Zeitpräferenz.

Hier eine Zusammenfassung seiner Ausführungen:

Hülsmann stellt zunächst die Definition der Inflation klar. Diese
definiert sich als eine Zunahme der Geldmenge. Der von der
Hauptstromökonomie als Inflation bezeichnete Anstieg des allgemeinen
Preisniveaus dagegen ist lediglich eine Konsequenz aus der Steigerung des
Geldangebots. Die durch den Geldmonopolisten betriebene
Geldmengenausweitung hat drei Hauptkonsequenzen:

**Erstens** – durch den _Cantillon-Effekt_ – die
Schaffung einer Klasse von Profiteuren. Jene, die „an der Quelle“ sitzen
und als erste über die neu geschaffene Liquidität verfügen, sind die
Gewinner. Jene staatsfernen Kreise, zu denen das frische Geld zuletzt
„durchsickert“, zahlen den Preis dafür: Ein unübersehbarer
Redistributionseffekt – und zwar von unten nach oben (und/oder von der
Peripherie ins Zentrum). Die Klasse der Profiteure steht von Vornherein
fest. Solange es sich beim Geld um Warengeld (Edelmetalle) handelt, sind
das die Regierungen und die in ihrem Auftrag tätigen Münzpräger. Inflation
wird zu dieser Zeit über die Verringerung des Edelmetallgehalts der Münzen
ins Werk gesetzt.

In der Zeit der aufkommenden Teilreservehaltung der Geschäftsbanken
(_Fractional-reserve-banking_), die zunächst noch auf einer
Edelmetallbasis beruht, gewinnt „Fiat-money“ zunehmend an Bedeutung. Damals
(im 19. Jahrhundert) explodiert die Zahl der Bankenneugründungen und eine
neue Klasse von Profiteuren tritt auf den Plan: Die Banker. Die
staatsprivilegierte Klasse der Rechtsanwälte, Mediziner und Banker gewinnt
entscheidenden Einfluss, sodass von einer von diesen gebildeten
„Schattenregierung“ gesprochen werden kann. Regierungen wechseln (durch
Wahlen oder Erbfolge), die neue Schattenregierung indes hat dauerhaft
Bestand…

**Die zweite Konsequenz** inflationärer Geldpolitik, ist
die Schaffung einer „Schuldenkultur“. Durch die Zunahme der (durch
Verschuldung in die Welt tretenden) Geldmenge, kommt es zu einer
drastischen Steigerung der wirtschaftlichen Instabilität.
Bankenzusammenbrüche häufen sich. Eine Pleite von Bank A kann sehr leicht
auch die Banken B und C in den Abgrund reißen. „Dominoeffekte“ treten
gehäuft auf. Erstmals tritt das zuvor unbekannte Phänomen der „Bankenkrise“
auf.

Als Reaktion darauf finden Bankenfusionen oder Interventionen der
Zentralbanken statt – mit dem Ziel, Bankenpleiten zu verhindern. Mit
staatlich orchestrierten „Rettungsmaßahmen“ geht eine immer stärkere
(staatliche) Regulierung des Bankensektors einher.

Die Auswirkungen krisenhafter Entwicklungen des Geldsektors gehen bis
zum Zweiten Weltkrieg allerdings nicht über den Bereich der Geldwirtschaft
hinaus. Die „Realwirtschaft“ bleibt durch deren Krisen bis dahin noch
unbeeindruckt.

Danach jedoch beginnen turbulente Ereignisse im Bereich des Finanzwesens
und insbesondere die fortwährende Inflationierung der Geldmenge, auch die
Betriebe der produzierenden Wirtschaft zunehmend in Mitleidenschaft zu
ziehen.

Zeigt das allgemeine Preisniveau bis dahin über einen Zeitraum von rund
150 Jahren hinweg eine fallende Tendenz (Preisdeflation), kehrt sich dieser
Trend nun um. Ist bis dahin die Bildung von Ersparnissen attraktiv (die
Kaufkraft des Geldes nimmt ja über die Zeit hinweg ständig zu), wird nun
das Schuldenmachen als die intelligentere Strategie erkannt. Eine
regelrechte „Schuldenkultur“ bildet sich aus. Die Anreize der
Schuldenmacherei durchdringen jetzt alle Lebensbereiche und bestimmen
insbesondere die Politik der (demokratischen) Regierungen. Die
_„Finanzialisierung der Wirtschaft“_ ist die Folge. Selbst
produzierende Unternehmen investieren mittlerweile einen immer größeren
Teil ihrer liquiden Mittel nicht mehr länger in die Entwicklung des eigenen
Betriebes, sondern in Finanzprodukte – in den USA zu etwa 40 Prozent.

Die starke Zunahme der Interdependenzen führt zu einer weiter steigenden
Fragilität der Wirtschaft. „Ansteckungsgefahren“ nehmen drastisch zu.

Die zunehmende Unsicherheit der Wirtschaftsakteure hat zahlreiche
Folgen. Eine davon ist die noch schneller verlaufende Urbanisierung.
Sicherheit wird zunehmend in Ballungszentren erwartet, nicht mehr auf dem
flachen Lande.

Die Feminisierung der Wirtschaftswelt ist eine weitere Konsequenz: Die
bei Frauen im Vergleich zu Männern stärker ausgeprägte Risikoaversion
veranlasst viele auf der Suche nach mehr Sicherheit befindliche
Großunternehmen zu deren verstärkter Promotion an Spitzenpositionen.

Eine selten beachtete Begleiterscheinung der Zunahme allgemeiner
Unsicherheit ist die unübersehbare _„Verhässlichung“_ der
Architektur. Wer infolge vermehrter Instabilität seine Zeitpräferenz
erhöht, legt eben weniger Wert auf (optische) Qualität. Da alle
Vermögenwerte so flüssig wie möglich gehalten werden müssen, steht schöne
(und entsprechend teure) Architektur diesem Ziel im Wege.

**Dritte Konsequenz** permanenter Inflation – und deren
folgenschwerste – ist die Zerstörung der Moral. Es gibt nun keine
Sparanreize mehr. Die einst den heute existierenden Wohlstand begründende
Sparkultur wird systematisch unterminiert. An ihre Stelle tritt eine
laufend zunehmende Konsumneigung. Damit einher geht ein immer größerer
Verlust an Unabhängigkeit. Schuldner stehen letztlich in der „Knechtschaft“
ihrer Kreditoren. Das wiederum führt zum immer lauter ertönenden Ruf nach
„hilfreichen“ Interventionen der Regierungen, der diese nur allzu gerne
nachkommen, um ihre Macht bei dieser Gelegenheit noch weiter auszudehnen.
Ergebnis ist die _„kollektive Korruption“_ der Gesellschaft.
_„Rationalitätsfallen“_ führen demnach zu immer stärkeren Anreizen,
sich nicht länger mit produktiver Arbeit abzumühen, sondern lieber im
Finanzsektor das Glück zu suchen.

Dadurch werden sämtliche überkommenen Moralvorstellungen auf den Kopf
gestellt. Es kommt zum unauflöslichen Konflikt zwischen dem Bewusstsein,
was eigentlich getan werden soll und dem, was man – aus rationalen Gründen
– tatsächlich tut. Diese in der Inflation wurzelnden, offensichtlichen
Widersprüche führen am Ende zur völligen Demoralisierung der
Gesellschaft.

_Geld gegen Souveränität_ – das ist der gegenwärtig laufende
Deal. Das “Kreditkartenhaus“ kann indes nicht dauerhaft bestehen, weil die
Zunahme der neu geschaffenen Werte mit der Aufblähung der Schuldensumme
niemals schritthält…

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Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender
kaufmännischer Unternehmer und überzeugter “Austrian”.



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