Im Visier der Plünderer

New York, Park Avenue, Herbst 2007: Mittags stürmen die Mitarbeiter der Investmentbanken aus ihren Büros auf die Straße. Hastig holen sie sich von fahrenden Händlern Snacks in Plastikbehältern und verzehren sie, sobald sie wieder vor ihren Bildschirmen sitzen. Hier arbeitet John Cunningham. Er ist Chef einer großen Abteilung einer Investmentbank und bringt seiner Bank Milliardenprofite. An seiner Bürotür steht nur sein Name. Öffnet man sie, ist man überrascht: In einem Großraum sitzen etwa 100 junge Männer in höchster Konzentration vor ihren Computern. Sie sprechen nicht miteinander. Auf ihren Bildschirmen flimmern Charts, Formeln, Grafiken.
Ganz in der Ecke hat Cunningham seinen Schreibtisch: zehn Quadratmeter hinter Glaswänden. Cunningham ist ein bescheidener Mann. Trinkt nicht, engagiert sich in sozialen Projekten. Die Trader, die für ihn arbeiten, sind Informatiker und Mathematiker. Ihr Job besteht darin, bestimmte Waren gleichzeitig an verschiedenen Orten der Weltzu kaufen und zu verkaufen: Lebensmittel, Rohstoffe, Firmenwerte. Sie spekulieren mit Formeln. Das Geld für ihre Geschäfte kommtvon den Kunden der Bank: Es sind die Vermögen der Superreichen und die Pensionsfonds der kleinen Rentner.
Cunningham ist unruhig: Er wittert die ersten Anzeichen der Finanzkrise. Der Druck ist groß: „Wir hoffen, dass die Zentralbanken die Zinsen weiter senken. Sonst wird es schwierig.“ Zwei Jahre später ist Cunningham nicht mehr bei der Investmentbank. Seine Abteilung wurde dezimiert. Die Bank musste Mitarbeiter entlassen, um die Profite so hoch zu halten, wie die Eigentümer es erwarten. Cunningham nimmt 20 seiner besten Leute und startet sein eigenes Unternehmen. Er legt einen Fonds für Investoren auf. Die Bank hat einige große Vermögen an Cunningham weitergereicht, damit er sie verwaltet: Sie will die risikoreichen Geschäfte nicht in der Bilanz haben. Cunningham soll Hunderte Millionen Dollar investieren. Er mehrt das Vermögen seiner Anleger mit Wetten. Die Zentralbanken haben die Zinsen gesenkt. Vier Jahre später häufen sich die Verluste. Cunningham schließt seinen Fonds und zahlt den Anlegern das Geld zurück – bevor es zu spät ist.
Im Herbst 2013 kündigt Cunningham die Gründung einer neuen Firma an. Diesmal will er sich nur noch um sein eigenes Vermögen und das seiner Mitarbeiter kümmern. Cunningham dürfte etwa 100 Millionen Dollar verdient haben. Mit mathematischen Formeln.Mit Wetten, die er rund um den Globus platziert. Wenn er keine großen Fehler macht,wird er sein Vermögen in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Dann ist er 55 Jahre alt und will sich zur Ruhe setzen.
Szenenwechsel. Jänner 2012, Frankfurt amMain. In den Büros der Bundesbank herrscht Nervosität. Die Staatsschuldenkrise ist auf ihrem Höhepunkt. Obwohl Milliarden für die „Rettung“ Griechenlands aufgebracht wurden,müssen Italiener und Spanier höhere Zinsen für ihre Schulden zahlen. Der Bundesbankmanager will allerdings nicht von Panik sprechen. Trotz all der nächtlichen Krisensitzungen in Frankfurt, Berlin oder Brüssel.
##Sparer verlieren jedes Jahr Millionen
Der Bundesbankmanager trägt einen dunkelblauen Anzug und wirkt fast wie ein Beamter. Sieht er das Ende des Euro kommen? „Wir sehen vor allem eines: dass die Anleger ihr Geld wiederhaben wollen. Denn sie fragen sich mittlerweile: Was nutzt mir die beste Rendite, wenn ich am Ende mein Geld verliere? Früher hatte man den Eindruck: Wenn ich in ein Unternehmen investiere, habe ich höhere Risiken, als wenn ich in eine Staatsanleihe investiere. Denn ein Staat kann niemals insolvent werden. Die Glaubwürdigkeit von Staaten war über jeden Zweifel erhaben. Das ist heute nicht mehr so.“
Die Sparer verlieren jedes Jahr Millionen, weil die Zentralbanken sich darauf verständigt haben, die Zinsen zu drücken. Der Bundesbanker sagt: „Alles, was in Europa passiert, hat Folgen für die Welt.“ Er will nicht namentlich genannt werden. Die Lage sei sehr unübersichtlich: Was wird die Europäische Zentralbank tun? Was denkt die Bundesbank? Wird man die Schuldenkrise in den Griff bekommen? Zu viele reden, und keiner ist sich sicher, was zu tun ist. Der Bundesbanker setzt auf kleine Schritte. In welche Richtung man gehen soll, weiß er auch nicht.
Szenenwechsel. In Berlin sagt ein staatlicher Investmentbanker, dessen Aufgabe es ist, Steuergelder ertragreich zu investieren, dass man die Dissonanzen zwischen Staaten, Banken und Zentralbanken nicht überinterpretieren solle: Er ist ungefähr in demselben Alter wie John Cunningham aus New York. Früher hätte man ihn einen „Bankier“ genannt. Hohes Ethos, größte Diskretion. Auf die Frage, wem man denn nun trauen könne, sagt der Bankier: „Jeder spielt seine Rolle.“ Der Bankier will nicht sagen, ob das Stück gut ausgehen wird oder nicht. Nach der Arbeit spielt er Violine. Am liebsten Johann Sebastian Bach.
Jeder spielt seine Rolle. Doch in welchem Stück? Die Antwort gibt uns der Ökonom Roland Baader: „Was sich seit 2008 in der Welt der Banken und Finanzen, der Staatsbudgets und der Unternehmensbilanzen abspielt, ist eine Verschuldungskrise von welthistorischen Ausmaßen. Mit Ozeanen aus Papiergeld und Krediten aus heißer Luft wurde eine globale und inflationäre Konsumorgie angeheizt, die nun zusammenbricht. Schulden müssen irgendwann zurückgezahlt werden, wenn nicht freiwillig, so durch zwanghafte Umstände.“ Das Stück heißt: „Die Plünderung der Welt“. Die Staaten haben mit ihrem Schuldensystem aus künstlichem Geld die Konzentration des Reichtums bei einer kleinen Elite beschleunigt. Doch sie haben überzogen. Um die Schulden abzubauen, wollen die Staaten nun die privaten Vermögen plündern. Sie werden den wirklich Bedürftigen die Solidarität aufkündigen. Mithilfe von internationalen Organisationen wie dem IWF und den Zentralbanken wollen sich die Staaten holen, was ihnen nicht gehört. Demokratie, Rechtsstaat und Moral werden Luxusgüter. Die Staaten rechnen mit Widerstand. Sie werden ihn zu brechen versuchen. Autoritäre Tendenzen sind zu erkennen. Soziale Verwerfungen sind unausweichlich. Die Freiheit wird zum raren Gut.
In einem System der hemmungslosen Flutung der Welt durch wertlose Versprechen wird die Ungerechtigkeit zum Stabilitätsanker einer globalen Feudalherrschaft. Der Wohlstand der Welt wird umverteilt, „weg von den privaten Sparern und hin zum verschwenderischen Staat und zu einer ausufernden Finanzindustrie“, so Roland Baader. Wie das geht, zeigt das Beispiel Amerika: Die amerikanischen Privathaushalte hatten im Jahr 1962 um 37 Prozent weniger Schulden als Einkommen. Im Jahr 2009 hatten sie um 39 Prozent mehr Schulden als Einkommen. Die Deutschen waren im Vergleich zurückhaltend – die Spareinlagen der Deutschen betrugen Ende 2012 immerhin 4,94 Billionen Euro. 70 Prozent der deutschen Haushalte bedienen regelmäßig ihre Schulden so, dass ihnen immer noch Geld zum Sparen bleibt. Genau deshalb sind Deutschland und die anderen Wohlstandsstaaten Europas in das Visier der Plünderer geraten.
Um festzustellen, wer eigentlich die Plünderer sind, die es auf die Sparguthaben, Werte und Ressourcen der Welt abgesehen haben, muss man sich eine gewisse Chronologie vor Augen halten: Durch die Einrichtung von Zentralbanken haben sich die Staaten das Monopol verschafft, Geld zu drucken – ohne dass es für dieses Geld eine Leistung gibt. Der Staat kann sich auf diese Weise beliebig verschulden, ohne an eine Rückzahlung denken zu müssen. Es ist heute selbstverständlich, dass Staaten nach Belieben Geld drucken, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Für die politischen Eliten ist dies der sicherste Weg, so lange wie möglich an der Macht zu bleiben. Es ist unerheblich, welche Parteien an der Regierung sind. Alle haben sich dem System des künstlichen Geldes unterworfen, weil es ihrem Zweck perfekt dient, zumindest für die überschaubare Zeit von einer oder zwei Wahlperioden. Eine ganze Industrie ist entstanden, die aus dem wertlosen Geld neue, kreative Finanzprodukte geformt hat. Diese Produkte werden in den globalen Geldkreislauf gejagt. Doch diese „Finanzprodukte“ sind brandgefährlich. Sie bringen die Welt aus dem Gleichgewicht. Sie tragen die leeren Versprechungen in die hintersten Winkel der Erde. Der Investor Warren Buffet hat diese Produkte als „Massenvernichtungswaffen der Finanzindustrie“ bezeichnet.
In Schottland gab es 130 Jahre lang das System des „free banking“. Es gab keine Zentralbank. Es gab keine Bankenrettung. Bei einer Bank haftete jeder einzelne Bankier mit seinem gesamten persönlichen Vermögen. Ein solch einfaches Prinzip führt dazu, dass 99 Prozent aller Schurken niemals Banker werden wollen. Der Staat seinerseits muss lediglich die Einhaltung der Gesetze und Spielregeln kontrollieren – das allerdings streng und gerecht. Er darf keinesfalls wertloses Papiergeld unters Volk bringen.
##Wovon Schurken träumen
Doch genau das machen heute alle Regierungen der Welt. Mit niedrigen Zinsen wird Geld in den Markt gepumpt und Vermögen umverteilt. Das hoheitlich verordnete Drucken von Falschgeld durch die Zentralbanken ist der Kontrolle durch die nationalen Parlamente vollständig entzogen. In vielen Staaten sind die Banken Eigentümer der Zentralbanken. Gleichzeitig üben die Zentralbanken, wie in Europa in Kürze die EZB, die Bankenaufsicht aus. Die Falschgelddrucker kontrollieren sich also selbst. Eine kleine, niemandem verantwortliche Finanzelite gängelt im Auftrag der sich immer weiter verschuldenden Staaten die Wirtschaft der Welt.
Dies ist eine Konstellation, von der Schurken nur träumen können: Welche Branche kann schon von sich behaupten, dass sie vom Staat unbegrenzte Subventionen ohne Verwendungsnachweis bekommt, sich selbst kontrollieren kann, und die, wenn alles zusammenbricht, auf jeden Fall vom Steuerzahler gerettet wird – und sei es durch Inflation?
Das viele falsche Geld ist nichts anderes als Zettel, auf denen viele falsche Versprechungen stehen. Wenn sie alle gleichzeitig auffliegen, wird es ungemütlich: Recht und Gesetz werden gebrochen, der soziale Friede wird von oben zerstört. Die Auflösung der Demokratie ist in diesem Fall die logische Folge. Die Alternativen sind allesamt nicht wünschenswert. Niemand kann ein weltweites Feudalsystem der Finanzeliten wünschen, wie es heute in Ansätzen zu erkennen ist. Totalitäre Tendenzen – seien sie bürokratisch oder ideologisch – müssen verhindert werden. Erste Vorboten davon sehen wir in den Krisenstaaten der Eurozone und in Fehlentwicklungen in der Europäischen Union.
Die größte Illusion unserer Tage ist die Vorstellung, dass mehr Staat automatisch mehr Gerechtigkeit bedeutet. Wir befinden uns auf einem gefährlichen Weg: Unsere Demokratien werden von einem globalen Feudalismus bedroht. Der Kaiser ist nackt. Die Plünderer sind schwer bewaffnet.

>Michael Maier – Geboren 1958 in Klagenfurt. Studierte Musik und Rechtswissenschaft in Graz, Dr. jur. Chefredakteur u. a. bei der „Presse“, der „Berliner Zeitung“ und beim „Stern“. Gründete 2006 die Blogform Social Media GmbH, die mehrere Online-Medien mit ihm als Herausgeber betreibt. Kommende Woche erscheint im Finanzbuchverlag, München, sein Buch „Die Plünderung der Welt“.
>(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.05.2014)



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