Sind Kapitaleinkommen ungerechtfertigt?

Die Ethik der Kapitalrente

Vom 14. bis 19. September ging die Jahreskonferenz der Property and Freedom Society in Bodrum / Westtürkei über die Bühne. Wie in den Jahren zuvor, konnte Hausherr Hans-Hermann Hoppe wieder ein beachtliches Aufgebot interessanter Referenten gewinnen. Einer davon war Professor Guido Hülsmann, der an der Universität von Angers/Frankreich Volkswirtschaft unterrichtet. Er sprach zum Thema „Die Ethik von Kapitaleinkommen". Hier eine Zusammenfassung seiner Ausführungen:

Wie schon Aristoteles („Geld bedeutet keinen echten Wohlstand" und ist „ein willkürliches Ding"), verurteilte auch die Kirche viele Jahrhunderte lang jedes Kapital- oder Zinseinkommen als verwerflich. Geld an sich sei steril, könne und dürfe sich daher also nicht vermehren. Mehr zurückzubekommen als man verliehen hat, sei für einen Christenmenschen ungebührlich. Das war nach kanonischem Recht „Wucher". Thomas von Aquin verurteilte den Wucher in all seinen Formen und verdammte das Zinsnehmen als Betrug. Lediglich das Kassieren von „Risikoprämien" galt als zulässig.

Die sowohl von Aristoteles, als auch von den Kirchenlehrern im Geschäftsleben geforderte Gerechtigkeit, stellte im Prinzip auf Gleichheit ab. Man übersah dabei das jedem Tausch zugrundeliegende Prinzip: Jemand gibt A, um B zu erhalten – weil er den Besitz von B höher bewertet – und umgekehrt. Damit ein Tausch (ein Geschäft) überhaupt zustande kommt, ist die unterschiedliche Bewertung der Güter durch die Beteiligten daher Grundvoraussetzung. Es ist also nicht nur nicht „ungerecht", sondern sogar notwendig, dass zu tauschende Güter von verschiedenen Personen unterschiedlich bewertet werden.

Dasselbe gilt auch im Hinblick auf die Zeit. Ob man eine Sache heute oder in einem Jahr besitzt, bedeutet eben nicht dasselbe. Man denke etwa an das Risiko eines Verlustes der Sache. Der Zins ist daher sowohl als Verzichtsprämie zu betrachten (weil die verliehene Sache oder das Geld, für die Dauer der Leihe nicht vom Eigentümer genutzt werden kann), als auch als Risikoaufschlag für den Fall, dass der Schuldner, aus welchem Grund auch immer, seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.

Es ist interessant, dass ein guter Teil der von Aristoteles gegen den Zins vorgebrachten Argumente, in einem durch staatliche Eingriffe und politisch motivierte, willkürliche Verzerrungen der Märkte bestimmten Wirtschaftssystem, völlig gerechtfertigt sind – nicht aber in einem freien Markt. Der freie Markt nämlich, garantiert die Freiwilligkeit der Transaktionen und tendiert stets zu sinkenden Zinsen, was Kumulationseffekte durch Zinseinkommen begrenzt.

In einem staatlich manipulierten Geldsystem mit unbeschränkter, monopolisierter Geldproduktion dagegen, bildet sich jedenfalls ein Geldadel heraus, dessen Reichtum allein aufgrund seiner Nähe zur Macht immer weiter zunimmt. Hier werden tatsächlich die Reichen immer reicher – und zwar auf Kosten des Kreises von nicht zur Elite zählenden Personen. Exakt das – und die daraus resultierende Wohlstandsumverteilung von unten nach oben („Cantillon-Effekt") – erleben wir dieser Tage.

Die aristotelische Zinskritik ist im Lichte des Umstands zu sehen, dass sie auf Basis des zu seiner Zeit bereits bestehenden „Fiat-Geldsystems" formuliert wurde. Fazit: In einem freien Markt sind Kapitaleinkommen grundsätzlich ethisch gerechtfertigt; in einem durch Interventionismus geprägten System dagegen nicht.

Von Andreas Tögel



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