Europa auf der Verliererstraße?

##Die Alte Welt verliert deutlich an Boden

Anläßlich einer am 9. 4. im Rahmen der Serie _„Wirtschaft
Wissenschaft Unplugged“_ auf dem Campus der Wiener
Wirtschaftuniversität abgehaltenen Podiumsdiskussion, wurden Fragen der
Krisenentstehung und –Bewältigung debattiert. Es diskutierten Prof. Josef
Zechner (Bereiche Finance, Banking und Insurance an der WU) und Andreas
Treichl, CEO der Erstebank. Zechner stellte in seinem Referat zunächst die
wichtigsten Funktionen von Kapitalmärkten dar:

– „Pooling“ von Kapital
– Geographischer und zeitlicher Transfer von Kapital
– Begrenzung und Absicherung von Risiken und
– Informationsproduktion zur Kapitalallokation.

Dem folgte ein Katalog von „Giften“ für die Realwirtschaft:

– Exzessive Verschuldung
– Blasenbildungen und daraus
– Systemische Risiken und
– Teure Bankenbailouts.

Der Bankenbereich in Europa spiele bei der Kapitalbereitstellung eine
erheblich größere Rolle als in den USA, wo diese Aufgabe in weit stärkerem
Maße von den Börsen übernommen werde. Gemessen am BIP belaufe sich die
Bankenfinanzierung der Wirtschaft in Europa auf 360%, in den USA aber auf
weniger als 90%. Durch den übermächtigen Bankensektor käme es zum Phänomen
des _„Too big to fail“_ – und damit zur Erpressbarkeit der Politik.
Eine starke Börsenfinanzierung der Wirtschaft bringe indes wieder andere
Probleme mit sich. Die Frage, welches System „besser“ ist, sei aus
akademischer Sicht nicht eindeutig zu beantworten. Für die Finanzierung von
Innovationen scheinen Finanzierungsmodelle abseits der Banken allerdings
überlegen zu sein.

Haftungsbeschränkungen bilden grundsätzlich Risikoanreize. Ebenso
Einlagen- oder Kapitalgarantien. Wer sicher sein kann, daß im Fall der
Fälle der Steuerzahler für Verluste geradesteht, hat keinerlei Motive,
vorsichtig zu investieren. Als Paradebeispiel dazu führte Zechner das
Debakel der Hypo Alpe-Adria an, bei der die Eigentümer völlig ungeschoren
blieben. Die üblichen Modelle zur Entlohnung des Managements (Beteiligung
an Gewinnen, nicht aber an Verlusten) hätten ebenfalls die Tendenz zur
Risikoverstärkung.

Erstes Mittel der Wahl zur Steigerung der Systemstabilität sei die
Erhöhung des Eigenkapitalanteils der Banken, die keineswegs, wie vielfach
behauptet, notwendigerweise zur Kreditrestriktion führen müsse. Europa
bedürfe jedenfalls der Einführung klarer Regeln für die Bankenabwicklung.
Die Zahl der in konkurrierenden Wirtschaftsräumen erteilten Patente
korreliere eindeutig mit der Verfügbarkeit von „Venture Capital“. 2013
seien in den USA 154.503 Patente erteilt worden, in Europa dagegen nur
30.425. Hier bestehe gewaltiger Aufholbedarf. Alleine von Mitarbeitern und
Schülern der Universität in Stanford würden jährlich rund 500 (!)
Unternehmen gegründet. Etwas Vergleichbares suche man in Europa weithin
vergeblich…

Der für seine unverblümten Äußerungen bekannte Bankmanager Andreas
Treichl, stellte eingangs klar, daß die Urheber der 2008er-Krise in den USA
beheimatet wären und verwendete dazu folgendes Gleichnis: _„Stellen Sie
sich vor, in Brasilien werden vergiftete Bananen produziert und nach Europa
exportiert. Dort werden diese Bananen konsumiert. Wer ist für den
entstehenden Schaden verantwortlich – jene Gangster, die die Bananen
produzieren und verkaufen, oder die Deppen, die sie essen? Ich meine, die
Produzenten sind schuld!“_ So hätten die US-Banken den Europäern
„vergiftete“ Finanzprodukte angedient, welche die in ihrer Dummheit nicht
als solche erkannt und arglos gekauft hätten. Und weiter: _„Wir haben den Schas (sic!) nicht
erfunden!“_

Europa habe sich – verglichen mit allen anderen Wirtschaftsräumen –
deutlich schlechter vom Debakel des Jahres 2008 erholt, obwohl dieses von
den USA ausgegangen sei. Den Grund dafür erblickt Treichl in der dort
herrschenden, völlig anderen Art der Unternehmensfinanzierung (zu 75% über
die Kapitalmärkte und nur zu 25% über Banken. In Europa sei das Verhältnis
genau umgekehrt).

Einzig taugliches Mittel zur Überwindung der Krise sei ein solides
Wirtschaftswachstum. Dieses aber resultiere in entwickelten Ökonomien
ausschließlich aus Innovationen. Innovationsfinanzierung bringe indes stets
ein erhöhtes Verlustrisiko mit sich. Daher seien Banken dafür nicht optimal
geeignet. Dazu komme, daß die derzeit von den Banken geforderte Erhöhung
der Eigenkapitalausstattung und Risikominimierung bei der Kreditvergabe,
Innovationsfinanzierungen noch weiter erschwerten. Die europäischen Banken
müssten sich mit einer immer stärkeren Regulierung herumschlagen und würden
mittlerweile zu bloßen Erfüllungsgehilfen der EU-Bürokratie degradiert.
_„Um Formulare von EU-Beamten auszufüllen, braucht es keine Banken.
Unsere zentrale Funktion – die Finanzierung von Unternehmen auf Grund
unseres Vertrauens in ihre solide Gebarung – können wir kaum noch
erfüllen._ “

**Die EU repräsentiere derzeit 7,1% der Weltbevölkerung,
produziere 18,7% des Welt-BIP, leiste sich aber 47,9% der weltweiten
Sozialausgaben. Es liege auf der Hand, daß deren weitere Finanzierung nur
mittels eines deutlichen Wachstums sicherzustellen sei.**

Von der Politik wünsche er sich, endlich die Verteufelung von Banken und
Aktionären einzustellen. Ihr komme vielmehr die Aufgabe zu, die
Kapitalbildung zu fördern. Der Staat könne aus eigener Kraft kein Wachstum
generieren. Er habe allerdings für den geeigneten Rahmen zu sorgen. Die
Banken könnten ebenfalls kein Wachstum induzieren. Sie könnten lediglich
das dafür nötige Kapital bereitstellen. Wachstum zu schaffen, sei und
bleibe die Aufgabe der privaten Unternehmen (spontaner Applaus im brechend
vollen Festsaal der Uni).

In der anschließenden Debatte meinte Zechner zur Frage „gebündelter
Finanzprodukte“, daß deren Emittenten mindestens 10% diese Papiere ins
eigene Portfolio nehmen müssten, um solcherart das Risiko zu minimieren.
Der Eigenhandel der Banken mit derlei Papieren sei zu unterbinden. Nur
Nichtbanken sollten sie halten. Treichl wandte sich explizit gegen eine
neuerliche „Sozialisierung des Kapitalmarktes“ (mit der wieder auftretenden
Gefahr des Verkaufs undurchschaubarer Finanzprodukte) und plädierte – zur
Überraschung der Mehrheit des Publikums – zugleich für die Schaffung einer
europäischen Bankenunion. Die in Europa erhobenen Bankensteuern bedeuteten
lt. Zechner einen Wettbewerbsnachteil für die hiesigen Institute. Das
wachsende Engagement von US-Banken in der Alten Welt sei ein klarer Hinweis
darauf. Die Einführung einer Kapitaltransaktionssteuer (von der
Staatspapiere vermutlich ausgenommen würden), werde einen Sargnagel für den
europäischen Aktienmarkt bedeuten.

Die – auf ein rezentes Papier der Bank of England gestützte – These, daß
eine Beilegung der Schuldenkrise im herrschenden Schuldgeldsystem wohl
unmöglich sei, wollten (oder konnten) beide Herren nicht plausibel
kommentieren.

Die in Europa so weit verbreitete Risikoaversion ziehe, nach Zechner,
auch verteilungspolitische Folgen nach sich. _„Wenn 99% der Menschen
kein Risiko bei Veranlagungen eingehen wollen, hat das Konsequenzen auf der
Einkommensseite.“_ Es sei ein notwendiger, wenn auch langwieriger
Prozeß, hier eine entsprechende „Risikokultur“ zu etablieren, wie sie in
den USA längst existiert. Treichl: „ _Ohne Risiko gibt es keine
Innovation.“_ Derzeit mehrten sich, seiner Meinung nach, die Anzeichen
für eine deflationäre Entwicklung. Allerdings würden die Möglichkeiten der
Zentralbanken weithin überschätzt. _„Geldpolitik ist nicht das geeignete
Mittel zur Überwindung der Krise.“_



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