Ziegler vs Taghizadegan – 0:10

Jean Ziegler im Streitgespräch mit Rahim Taghizadegan

Pro & Contra – Fernsehtalkshow vom 12.06.2017 Wer ist schuld an der Ungleichheit? Wie kann das globale Ungleichgewicht bekämpft werden? Und Macht Kapitalismus die Armen reicher? Wie können Armut, Hunger und Ungleichheit in der Welt verringert werden?

Corinna Milborn war sichtlich bemüht. Sichtlich bemüht Hans Ziegler, sich selbst inszenierend als Jean Ziegler (real players need a proper name to hustle), in seiner aktuellen Werbetour für sein neues Buch „Hoffnung am schmalen Grat“ zu hofieren. Corinna Milborn war derart angetan von Jean Ziegler, dass man den Eindruck gewinnen könnte sie wäre seine Penny Lane. Quasi sein Band Aid, musisch für seinen Redeschwall, der – nebenbei angemerkt – unhöflich und drangsalierend wie ein entgleister Zug über einen hinwegrollt. Das stillschweigende Commitment der Moderatorin zu Ziegler hin war so strahlend obvious, dass man – neben Sonnenbrand – alleine das klischeegeschwängerte Eingangsstatement von Hans Ziegler sieben Minuten lang über sich ergehen lassen musste. Ich fühlte mich „erlebend“ – um dem Neusprech zu gerecht zu werden.
Für die Empiristen und Statistiker: das waren nahezu 12% der gesamten Sendezeit des Formats „Pro&Contra“ – just the intro. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik, dass die Diskussionsrunde – charakteristisch einschlägig unausgewogen wie sie immer ist im österreichischen TV – ausgerechnet „Verteilungsgerechtigkeit“ zum Thema hatte. Ironie kann so furchtbar schön und erbarmungslos sein, sofern man sie zu erkennen im Stande ist.
Und ja, diese Ironie zog sich durch. Erbarmungslos, jede einzelne Minute. Unfreiwillig bestätigte Jean Ziegler alle Vorbehalte gegenüber künstlicher und konstruierter Autoritäten und Sozialisten jeglicher Couleur. Es ist ihre Abgehobenheit und Arroganz, ihre Selbstanmaßung zu wissen wie die Realität ihrer Vorstellung nach zu funktionieren hat, und – am Ende des Tages – muss.
Es ist die immerwährende Mär der Sozialisten, die catchy phrases, wonach es nur den richtigen Plan bedarf um materiellen Wohlstand für alle zu schaffen. Big Macs für alle. Iphone für alle. Reichtümer für alle. Jean Ziegler, der Radikalsozialist, der mal kurz auf Puls4 – zwischen Werbetrailern von Nestle und Bayer (irgendwer muss schließlich die Gehälter von Milborn et al bezahlen) – dem Massenmörder Che Guevara Bewunderung aussprach und in einem anderen Format Spekulanten gehängt sehen will, träumt in der Quintessenz davon, den Markt nicht zu beschneiden, sondern ihn und seine (natürlichen) Fehlallokationen zu überwinden und ihn besser zu designen. Kreationismus für Atheisten. Der hochgepriesene Ziegler will auch nichts von Naturgesetzen im Kontext von Märkten wissen, demnach wäre es in seiner Welt möglich Wein gleichzeitig zu trinken und zu lagern, oder an zwei Plätzen gleichzeitig zu sein. Gleichzeitig(!). Ur innovativ.
Dazwischen gabs dann noch alle restlichen Klischees. Verteilungsungerechtigkeiten, Schere zwischen Arm und Reich, Vermögenskonzentration, und natürlich the notorious evil Bayer und Monsanto, die zusammen mit Nestle die Welt regieren.
Es bestätigt sich erwartungsgemäß die Binsenweisheit, wonach jene die dummen Unfug reden und gar nicht im Stande sind die von ihnen kritisierten wirkenden Kräfte zu erfassen, am lautesten und längsten Brüllen, während jene mit Besonnenheit, Demut, Zuversicht und Klugheit zu wenig Gehör finden.
Die Moral der Geschichte liegt aber nicht dort wo man sie vermutet, sondern ist exemplarisch für den Alltag, denkbar einfach und schwierig zugleich. Es ist die Fähigkeit Understatement und Contenance zu bewahren. Das hat Rahim Taghizadegan vorbildlich geschafft.

Zitiert nach Oliver Dante


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