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Bundespräsidentschaft in Österreich

Die Mutter aller Wahlschlachten

Von Andreas Tögel

Der längste Wahlkampf den die Zweite Republik je erlebt hat, geht in die Endrunde. Der – diesmal hoffentlich finale – Showdown wird am vierten Dezember erfolgen.
Wie bei keiner anderen bundesweiten Wahl zuvor, handelt es sich um einen Lager- und Richtungswahlkampf. Beiden Seiten geht es dabei weniger um Beifallsbekundungen für den eigenen, sondern vielmehr um die Verhinderung des jeweils gegnerischen Kandidaten. Das war bislang noch nie der Fall und wirft ein grelles Licht sowohl auf die Qualität der politischen Auseinandersetzungen als auch auf das zur Verfügung stehende Personal.
Als Anwärter der Linken steigt Alexander Van der Bellen als „unabhängiger“ Kandidat in den Ring. Ob ein 72jähriger Rentner das richtige Signal an die junge Generation ist, die ihre Zukunft nicht, wie er selbst, schon hinter sich hat, sei dahingestellt. Der Mann erfreut sich allerdings seit langer Zeit landesweiter Bekanntheit. Als langjähriger Parteichef der Grünen konnte er sich erfolgreich als radikaler Antikapitalist, Protagonist des Multikulturalismus und vehementer Befürworter des Eurozentralismus in Szene setzen. Schon vor vielen Jahren bekannte er offen seine Präferenz für eine Entwicklung der EU in Richtung eines zentral geführten europäischen Bundesstaates und weg von einer Union voneinander unabhängiger Staaten.
Die Druckerschwärze des Opus Magnum des Beraters der traditionell weit links positionierten französischen Sozialisten, Thomas Piketty, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, war noch nicht recht trocken, da lobte Van der Bellen das antiliberal-marktwirtschaftsfeindliche Werk bereits über den grünen Klee und zwar – nach eigenem Bekunden – noch ehe er es gelesen hatte.
Bei Genossen Van der Bellen weiß der Wähler also, was er im Fall seiner Wahl bekommt: Einen greisen 68er, der in den letzten Jahrzehnten nicht gescheiter geworden ist. Daran ändert auch nichts, dass er sich urplötzlich geradezu völkisch-ländlich-leutselig gibt und im Kreise von Schützen – sogar mit einem alten Karabiner in der Hand – ablichten lässt. Diese peinliche Anbiederung ans Wahlvolk auf dem flachen Lande erhellt lediglich, wie authentisch der Mann agiert.
Dass die linke Schickeria – und selbstverständlich die Kunst- und Kulturschaffenden des Landes -, sich einheitlich auf seine Seite schlagen, verwundert nicht. Auf die Kunst und Kultur, oder was auch immer im sozialistischen Wohlfahrtsstaat dafür gehalten wird, beansprucht die Linke nun einmal ein Monopol. Und dieses „Kulturmonopol“ kann vom Primat der Politik, für das VdB steht wie kaum ein anderer, eben gar nicht genug bekommen.
Weniger einsichtig als die Motive der staatsabhängigen Kulturszene, sind die Beweggründe der zahlreichen Funktionäre der einst bürgerlich-konservativen, seit Ende der 1960er-Jahre notorisch todessehnsüchtigen ÖVP, sich im Wahlkomitee des Linksauslegers zu sammeln. Manche innenpolitische Feinschmecker halten dafür, dass das Engagement dieser (Großteils abgehalfterten, jedenfalls aber extrem unpopulären) Lemuren, in Wahrheit ein raffinierter Schachzug zur Verhinderung eines Erfolgs Van der Bellens sein könnte. Dieser Gedanke hat viel für sich. Denn wer ernsthaft meint, dass die Schützenhilfe derartiger Unterstützer (Namensnennungen unterbleiben aus Gründen der Höflichkeit und wegen §115 StGB) dem Linken tatsächlich zum Vorteil gereichen könnte, sollte so rasch wie möglich seine Medikation überprüfen.
Nicht so einfach ist die Einschätzung des „rechten“ Gegenkandidaten, Norbert Hofer von der FPÖ. Bis zum Zeitpunkt der Bekanntgabe seiner Kandidatur, war der verhältnismäßig junge Mann (JG 1971) der breiten Öffentlichkeit Großteils unbekannt. Die von ihm seit drei Jahren ausgeübte Tätigkeit als dritter Präsident des Nationalrats ist ja nicht gerade glamourös zu nennen und vorher wurde er von der Öffentlichkeit so gut wie überhaupt nicht wahrgenommen.
Immerhin ist bekannt, dass Hofer – anders als sein Gegner und wenn auch nur für wenige Jahre – sein Geld außerhalb geschützter Werkstätten verdient und nicht nur von Steuergeld gelebt hat. Immerhin. Dass er Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft ist, löst bei den Mietmäulern und –Schreibern der Hauptstrommedien naturgemäß Pawlow´sche Beißreflexe aus. Dass sein Gegner mit den Kommunisten sympathisiert (hat), ist andererseits überhaupt kein Problem. Selbst Kinderschänder und muslimische Mordbrenner scheinen bei der Presse im Land der Hämmer in höherem Ansehen zu stehen als ein „Deutschnationaler“. Nach wie vor gilt das Motto der vierten Gewalt im Staate: „Lieber ein Geschwür am After als ein deutscher Burschenschafter“. Über die Glaubwürdigkeit der Medienszene im Allgemeinen und den Sinngehalt dieser Einstellung gegenüber „Rechten“ im Besonderen, möge sich jedermann selbst ein Urteil bilden.
Die durch die letzten Wahlergebnisse düpierten Meinungsforscher geben sich bedeckt und sprechen ebenso vorsichtig wie nichtssagend von einen „Kopf-an-Kopf-Rennen“.
An dieser Stelle sei nun eine Prognose gewagt, selbst auf die Gefahr hin, den Wunsch zum Vater des Gedankens gemacht zu haben: Die unübersehbare Tatsache, dass derzeit beiderseits des Atlantiks die systemkritischen Kräfte das politische Momentum auf ihrer Seite haben, spricht für einen Erfolg Norbert Hofers, da er als Exponent einer „dissidenten“ Politik wahrgenommen wird. Viele von der täglich servierten, ekelhaften rotschwarzgrünen Einheitsgrütze angewiderte Bürger erblicken in einer Stimme für Hofer ein taugliches Mittel, es „denen da oben“ einmal so richtig zu zeigen.
Dass sich die veröffentliche Meinung und faktisch alle (und zwar nicht nur die linken) Systemschranzen mit Van der Bellen solidarisieren, wird dem mutmaßlich genauso viel nutzen, wie das soeben bei Hillary Clinton der Fall war.
Das Maß ist voll. Die Mehrheit giert nach einen politischen Wechsel. Dass der mit der Wahl Norbert Hofers natürlich nicht eintreten wird, steht auf einem anderen Blatt. Der symbolische Wert seines Erfolges – als Schuss vor den Bug der Nomenklatura – wäre indes gar nicht hoch genug einzuschätzen.




Nach der Wahl: Die Gräben werden immer tiefer

Von Werner Reichel

Das Gemeinsame vor das Trennende stellen, Brücken bauen, Ängste ernstnehmen, Hände reichen, Gräben zuschütten. Die Republik gleicht derzeit einer Selbsthilfegruppe. Solche Apelle und Phrasen werden vom neuen Bundespräsidenten abwärts inflationär verwendet. Politiker und Journalisten, die noch vor kurzen auf den politischen Gegner eingedroschen haben, haben plötzlich Peace-Zeichen in den Augen. Eine gemeinsame gewaltige Kraftanstrengung und internationale Hilfe waren notwendig, damit das heimische Establishment noch einmal die Kurve kratzen konnte. Nun versucht die politische Elite mit viel Symbolik und paternalistischem Gehabe die mittlerweile beängstigend große Zahl an nichtlinken Systemkritikern zu beruhigen. In vielen der derzeit abgegebenen Statements schwingt auch Angst und Unbehagen mit. Das ist nachvollziehbar.

Denn der Preis, einen systemkonformen Kandidaten ins höchst Amt des Staates zu hieven, war hoch. Getrieben von der Angst vor dem Machtverlust wurde mit äußerst harten Bandagen, allerlei Untergriffen und sogar Verleumdungen wahlgekämpft. Man bediente sich genau jener Mittel, die man dem Gegner so gerne vorwirft: Angstmache und Hetze. Wenn Norbert Hofer Bundespräsident würde, dann würde das Dritte Reich wiederauferstehen, die Wirtschaft kollabieren und sich die Sonne verfinstern etc. Immer weniger Österreicher haben sich allerdings von diesen politischen Schauermärchen beeindrucken lassen. Es wurde viel Porzellan zerschlagen.

Jetzt, nachdem man mit knapper Not seine Ziele erreicht hat, einfach auf Kuschelkurs umzuswitchen, funktioniert nicht, vor allem, weil dieser Sinneswandel nicht ernst gemeint ist. Man beschränkt sich auf Gesten, realpolitisch hat man nicht vor irgendetwas zu ändern. Bundeskanzler Christian Kern beleidigte, wenige Tage im Amt, in guter alter SPÖ-Tradition Viktor Orban und Van der Bellen bekräftigte, egal wie die nächsten Nationalratswahlen auch ausgehen mögen, einen FPÖ-Kanzler würde er niemals angeloben. Man macht weiter wie bisher.

Nein, keiner hätte je gesagt, dass Hofer-Wähler Nazis seien, sagte etwa die die ehemalige Grüne Monika Langthaler im ORF nach der geschlagenen Wahl, obwohl viele heimische Promis genau das getan haben. Man setzt auf das politische Kurzzeitgedächtnis der Österreicher. Manche behaupten nun, die Gräben seien ohnehin nicht so tief und man könne sie mit etwas gutem Willen wieder zuschütten. Nichts könnte falscher sein. Dazu reicht ein kurzer Blick in die Sozialen Netzwerke oder auf die Postings diverser Newsseiten. Österreich ist tief gespalten und die gegnerischen Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Dieser Hass beruht auf Gegenseitigkeit und er hat sich nach der Wahl noch weiter verstärkt. Beide Seiten sind zutiefst davon überzeugt, dass die jeweils andere Österreich in den Abgrund führen wird. Da kann mit seichtem Jetzt-reichen-wir-uns-die-Hände-Geschwurbel á la Van der Bellen oder Schönborn nichts ausrichten. Das Establishment unterschätzt das enorme Konfliktpotential und die freigewordenen gesellschaftlichen Fliehkräfte völlig. Die Regierung und die Einwanderungslobby haben diesen Graben quer durch die österreichische Gesellschaft während der Flüchtlingskrise aufgerissen, im Wahlkampf wurde er weiter vertieft. Österreich ist nicht mehr wie es war, auch wenn sich das die „Progressiven“ noch so sehr wünschen,

Der gegenseitige Hass hat beängstigend Züge angenommen. Da wird etwa von linker Seite versucht, die Hofer-Wähler zu Untermenschen zu degradieren. Das geschieht in Facebook-Postings ganz offen und direkt, die linken Mainstreammedien, Politexperten und Politiker mache das Gleiche, nur nicht ganz so plump. Da wird permanent darauf verwiesen, dass diese Menschen weniger gebildet sind, an Verschwörungstheorien glauben, Modernisierungsverlierer, Nazis und latente Rassisten, sprich dämliche Vollpfosten sind. Es geht darum, den Bürger vor die Wahl zu stellen: Willst du zu den Versagern, Kretins und Untermenschen oder zu den intelligenten und wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft gehören? Du musst nur ab und zu das Kreuz an der richtigen Stelle machen, mehr braucht es nicht, um zu den Schönen und Guten zu gehören. Ein verlockendes Angebot. Wer will schon ein Kretin sein: „Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe.“ Die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Journalistin Christa Zöchling beschreibt im wichtigsten Nachrichtenmagazin Österreichs, dem Profil, den typischen FPÖ-Wähler. Dass diese Zeilen außer bei den Freiheitlichen niemanden aufgeregt haben, zeigt, dass Zöchling nur die in diesen Kreisen verbreitete Meinung wiedergegeben und die Verachtung, die man diesen Menschen entgegenbringt, gut skizziert hat. Hetze betreiben immer nur die anderen. Das Beängstigende ist für diese Menschen nach der nur ganz knapp gewonnenen Stichwahl, dass ihnen plötzlich eine riesige Horde dieser unförmigen, stinkenden Untermenschen gegenübersteht. Immer mehr Österreicher wechseln die Seiten, trotz der von der politischen Elite errichteten Drohkulisse. Das System droht zu kippen. Das macht Angst, die Macht des Establishments erodiert in atemberaubender Schnelligkeit.

Und die bisherigen Strategien und Techniken greifen nicht mehr. Dabei ist es so simpel seine Vorurteile und Ängste gegenüber diesen Aussätzigen zu bestätigen. Unter den tausenden von Facebook-Postings findet man immer einige besonders schwachsinnige und dumme. Die ORF-Kamerateams spüren immer ein paar besonders hässliche und dumme FPÖ-Sympathisanten auf. Sich aus einer großen Menge die dümmsten Meinungen und Menschen herauszupicken, um damit die Beschränktheit der Hofer-Wähler beweisen zu wollen, mag zwar das Wir-Gefühl steigern und das eigene Ego anschwellen lassen, ist aber erstens dumm und zweitens genau jene Praxis, die Linke so gerne den Rechten vorhalten: Einzelfälle zu verallgemeinern. Was soll‘s, wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe

Die Herabsetzung Andersdenkender zum Zwecke der moralischen Selbsterhöhung hat eine lange Tradition. Dass die Linke, oder besser das linke Kleinbildungsbürgertum, die autochthone Arbeiterschaft und die „Modernisierungsverlierer“ dermaßen verachtet, ist einer der Hauptgründe für den Niedergang der österreichischen Sozialdemokratie. Sie ist, wie der Präsidentschaftswahlkampf gezeigt hat, vor ihrem nahenden Ende zur Blockpartei der Grünen abgesunken.

Diese Verachtung der Linken, die angesichts explodierender Staatsschulden und drohenden Machtverlust selbst von immer größer werdenden Abstiegsängsten getrieben werden, hat mittlerweile erschreckende Dimensionen angenommen. Von der Degradierung zum Untermenschen á la Christa Zöchling bis zum Entzug von Bürgerrechten und Umerziehungslagern ist es nur ein kurzer Weg. Die Linke hat ein bekannt problematisches Verhältnis zu Gewalt und ihrer eigenen Vergangenheit, sie verehrt nach wie vor linke Massenmörder wie Lenin, Mao oder Che Guevara.

Auch das linke Establishment, also nicht der nur geifernde linke Facebook-Mob, verachtet die Rechten, Bürgerlichen und Konservativen. Die linken Spitzenpolitiker tun es nur mit etwas mehr Zurückhaltung. Selbstverständlich halten auch sie FPÖ-Wähler für dumm, verblendet, xenophob und von allerlei anderen irrationalen Ängsten getrieben. Wenn sie im paternalistischem Tonfall davon reden, die Ängste und Gefühle dieser unbedarften Menschen ernst zu nehmen oder sie dort abzuholen, wo sie sind – nämlich ganz unten -, dann schwingt darin sehr viel Verachtung und Abscheu mit. Man sagt damit recht unverblümt, dass man diese Gruppe für beschränkt und gefährlich hält. Diese geistigen Tiefflieger müssen von der linken Elite an der Hand genommen werden, damit kein Schaden entsteht.

Allerdings sind die FPÖ-Wähler nicht ganz so beschränkt, wie die Linken glauben. Solche „gut gemeinten“ Gesprächsangebote, die derzeit von vielen Seiten gemacht werden, bewirken das genaue Gegenteil. Sie vertiefen die Gräben und schüren nur noch mehr Hass. Wie groß der Vertrauensverlust dieser vom Establishment permanent herabgewürdigten Menschen in das politische System mittlerweile ist, zeigt, dass viele von ihnen nicht einmal mehr die amtlichen Wahlergebnisse ernst nehmen. In den sozialen Medien ist derzeit viel von Wahlbetrug und Manipulation die Rede. Natürlich kann man sich, wie es viele Medien und Politbeobachter tun, darüber lustig machen. Doch man sollte sich einmal ernsthaft damit auseinandersetzen, welch weitreichende Folgen dieses tiefe Misstrauen für das Land, die Gesellschaft und das Zusammenleben hat. Ein immer größerer Teil der österreichischen Bevölkerung hat jedes Vertrauen in das politische Establishment, die Medien, die Justiz und andere staatliche Institutionen verloren. Unser politisches System wird nicht mehr kritisiert, sondern als Ganzes in Frage gestellt. Dieses verspielte Vertrauen kann das Polit-Establishment nur noch durch Taten zurückgewinnen. Es muss die Bedürfnisse und Interessen dieser Menschen ernst nehmen und nicht nur so tun als ob. Davon sind die seit der Präsidentenwahl fusionierten Parteien aber weit entfernt. Sie sind dazu vermutlich auch gar nicht mehr in der Lage. Eine gefährliche Entwicklung.




Österreich sucht einen neuen Ersatzkaiser

Ein Grüner als Herr der Hofburg?

Von Andreas Tögel

Nach zwei Amtsperioden von Heinz Fischer, der seine Politkarriere als Kofferträger Bruno Kreiskys startete und die Inkarnation des politisch korrekten linken Spießertums darstellt, soll am kommenden Sonntag ein neuer Bundespräsident gekürt werden. Das heißt, falls einer der Kandidaten im ersten Wahlgang die nötige Mehrheit schafft, was, glaubt man den Meinungsumfragen, unwahrscheinlich ist. Es wird voraussichtlich eine Stichwahl geben.

Der gegenwärtige Amtsinhaber war durch seine gesamte Amtszeit hindurch peinlich darum bemüht, keinesfalls durch originelle oder gar geistreiche Aussagen aufzufallen oder gescheite Initiativen zu setzen, wurde seiner Rolle als Grüßonkel der Nation aber anstandslos gerecht. Als Gründungs- und Vorstandsmitglied der österreichisch-nordkoreanischen Freundschaftsgesellschaft (!) verfügt er über das auf dem internationalen Parkett gefragte, feine Gespür fürs Opportune.

Wer steht zur Wahl? Da im Frührentnereldorado Österreich Greise über einen ganz natürlichen Bonus verfügen, handelt es sich folgerichtig Großteils um mehr oder weniger rüstige Pensionisten beiderlei Geschlechts. Darunter zwei emeritierte Universitätsprofessoren, nämlich der Kandidat der einst bürgerlich-konservativen ÖVP, Andreas Khol und der „unabhängige“ Kandidat Van der Bellen, ein langgedienter Funktionär der Grünen. Die finanzieren, uneigennützig wie sie nun einmal sind, den Löwenanteil der Kosten seines aufwendigen Wahlkampfs. Irmgard Griss, ehemals Chefin des Obersten Gerichtshofs, tritt als tatsächlich parteiunabhängige Kandidatin an. Schließlich der Ex-Gewerkschafter und in seiner Rolle als Sozialminister notorisch erfolglose Rudolf Hundstorfer, der für die Sozialisten in den Ring steigt.

Die Steuerzahler werden mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, dass keiner dieser Präsidentschaftsanwärter sich mit Pensionsbezügen von weniger als 9.000,- Euro monatlich durchfretten muss. Keiner von ihnen ist also auf das angestrebte Amt angewiesen, um dräuender Altersarmut zu entrinnen.

Der mit einem Alter von 45 Jahren mit Abstand jüngste Kandidat, Norbert Hofer, bekleidet das Amt des dritten Nationalratspräsidenten und geht für die Freiheitlichen ins Rennen. Das garantiert ihm den erbitterten Widerstand und gehässige Anfeindungen seitens des öffentlich-rechtlichen Rotfunks und der mit Steuergeldern korrumpierten Hauptstrommedien. Ein inszenierter Shitstorm könnte ihm allerdings – man denke an die letztlich gescheiterte Schmutzkübelkampagne gegen Kurt Waldheim im Jahre 1986, den die Sozialisten mit massiver überseeischer Schützenhilfe inszeniert hatten – am Ende vielleicht sogar zum Vorteil gereichen (er konterte damals mit dem zum Erfolg führenden Wahlkampfslogan: „Jetzt erst recht!“).

Der älteste Kandidat, Baumeister Richard Lugner, aus sämtlichen Klatschspalten der Yellow-Press bekannt als Mann, der vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt, kann immerhin als einziger Bewerber darauf pochen, Steuern zu bezahlen und nicht davon zu leben, wie alle seine Gegner im Kampf ums höchste Amt im Staate. Dass er in einem Alter immer noch berufstätig ist, da der gemeine Staatsdiener schon mehr als 20 Jahre lang seinen Ruhestand genießt, gereicht ihm indes nicht zum Vorteil. Wer sein Geld als Selbständiger unter Marktbedingungen verdient, ist im Land der Hämmer grundsätzlich verdächtig.

Wie stehen die Chancen? Van der Bellen ist unangefochtener Favorit und könnte einen Start-Ziel-Sieg landen. Aus unerfindlichen Gründen schafft der Mann es – obwohl bekanntermaßen extrem weit links positioniert – sich bürgerlichen Wählern als akzeptabler Kandidat anzudienen. Die Grünen haben somit erstmalig die Chance, das höchste Amt im Staat zu erobern – auch wenn auf den Schmäh mit der „Unabhängigkeit“ ihres Kandidaten, selbst die dümmsten Wähler nicht hereinfallen sollten.

Keine Chancen werden dem roten Apparatschik Hundstorfer eingeräumt, der im Wahlkampf völlig überfordert wirkt und kaum über das mechanische Aufsagen auswendiggelernter Phrasen hinausfindet. Der Kandidat der ÖVP rangiert in den Umfragen ebenfalls abgeschlagen, was keinen Beobachter ernsthaft überrascht. Der Mann war schon in seiner Aktivzeit (etwa als Nationalratspräsident) kein Sympathieträger und er ist es bis heute nicht. Irmgard Griss dürfte es – mangels wohlorganisierter Unterstützer ihres Wahlkampfs – ebenso wenig in die zweite Runde schaffen, wie Richard Lugner, der offenbar von seiner ebenso jungen wie ehrgeizigen Ehefrau, in eine aussichtslose Sache hineingehetzt wurde.

Die Auguren erwarten ein Stichwahlduell zwischen dem grünen und dem blauen Kandidaten, das ersterer, da er sich der überschwänglichen Sympathie von Staatsfunk und linkslastigen Printmedien erfreut, die keine Gelegenheit auslassen werden, seinen Gegner schlecht aussehen zu lassen, mutmaßlich für sich entscheiden wird. Es würde den Kenner der unter dem Titel Innenpolitik firmierenden Schlangengrube keinesfalls überraschen, wenn zwei, drei Tage vor der Wahl überraschend aufkäme, dass Norbert Hofer weitschichtig mit Heinrich Himmler verwandt oder gar ein geheimes Mitglied des heimischen Ablegers des Ku-Klux-Klans ist. Zur Erinnerung: 1986 brachte es die Presse problemlos fertig, Kurt Waldheim als „SS-Butcher“ zu denunzieren (tatsächlich war er subalterner Wehrmachtsoffizier).

Die beiden ernstzunehmenden bürgerlichen Kandidaten, Griss und Khol, die in der Stichwahl möglicherweise sogar Chancen gegen den grünen Kettenraucher hätten, werden es ironischerweise wohl nicht in die zweite Runde schaffen.

Wesentlicher Rückenwind erwächst Van der Bellen aus dem bizarr erscheinenden Umstand, dass viele Bürgerliche im Zweifel eher einem Linken als einem Freiheitlichen ihre Stimme geben, wie das schon im zurückliegenden Wiener Landtagswahlkampf zu beobachten war.

Auch die grassierende Geschichtsvergessenheit nutzt dem Grünen: Der seinerzeitige Bundespräsident Franz Jonas, ein bedingungslos loyaler roter Parteisoldat, beauftragte im Jahr 1970 den späteren Zerstörer der österreichischen Staatsfinanzen, seinen Parteifreund Bruno Kreisky – entgegen allen bis dahin geübten Gepflogenheiten – mit der Bildung einer Minderheitsregierung und legte damit das Fundament für den Großteil aller Probleme, mit denen Kakanien bis zum heutigen Tage zu kämpfen hat. Jonas war ein Mann von schlichtem Gemüt. Um wieviel mehr Schaden könnte wohl ein intelligenter Linker in der Hofburg anrichten?

Ein Grüner als Bundespräsident hätte erheblichen Einfluss auf die nächste Regierungsbildung, zumal Van der Bellen aus seinem Herzen ja dankenswerterweise keine Mördergrube macht und bereits öffentlich bekundet hat, keinesfalls einen Freiheitlichen mit der Regierungsbildung zu beauftragen – und zwar auch dann nicht, wenn der über eine qualifizierte Mehrheit verfügt. Wenn diese Art des Demokratieverständnisses von den Wählern tatsächlich honoriert wird, dann allerdings hätten sie sich einen Grünen in der Hofburg – und alle daraus folgenden Konsequenzen – wirklich redlich verdient.