Monatsarchive: Juli 2017

Buchbesprechung: Masse und Macht

Am Ende dieses knapp 600 Seiten dicken Buchs erschließt sich nicht so recht, worum es dem Autor und späteren Literaturnobelpreisträger zu tun war. Andere Werke zum Phänomen der Masse, wie etwa Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“ oder Ortega y Gassets „Der Aufstand der Massen“, geben im Unterscheid zu Canettis Werk keinerlei Anlass zur Ratlosigkeit. Diese beiden Darstellungen warten allerdings auch nicht mit der Uferlosigkeit auf, die man Canettis Opus Magnum attestieren muss. Ein Buch, das anthropologische, psychologische, politische und historische (die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) Aspekte des Phänomens der Masse zu integrieren beabsichtigt, führt wohl beinahe zwangsläufig zur Verwirrung des Lesers.
Was die – zweifellos sehr interessanten – und in verschiedenen Abschnitten des Buches immer wieder auftauchenden Beschreibungen von Stammesgeschichten australischer, ozeanischer und afrikanischer Ureinwohner zu suchen haben, will nicht so recht klar werden. Ob das von Canetti beschriebene Phänomen des „Stachels“ im Zusammenhang mit dem Befehl tatsächlich etwas taugt, sei dahingestellt. Das mit „Der Überlebende“ überschriebene Kapitel will sich überhaupt nicht so recht in das Thema einfügen.
Die Beschreibung der verschiedenen Erscheinungs- und Entwicklungsformen der Masse erscheint dagegen klar, logisch und ergibt ein stimmiges Bild. Auch das Kapitel „Meute und Religion“ eröffnet erhellende Einsichten, wie auch Canettis Beschäftigung mit den „Elementen der Macht“.
Nach dem Konnex der Phänomene Masse und Macht indes, sucht der Leser (zumindest der Verfasser dieser Rezension) vergebens. Ein zwingender Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln ergibt sich jedenfalls nicht.

Fazit: Masse und Macht ist eine, fast könnte man behaupten, anekdotische Aneinanderreihung von miteinander nicht oder kaum in Beziehung stehenden Erscheinungsformen sozialer Interaktionen. Das Buch ist ungeheuer kenntnisreich, sprachlich hochstehend und mit großer Liebe zum Detail verfasst. Es liest sich leicht und flüssig, lässt den Leser allerdings mit dem nagenden Zweifel zurück, worum es denn eigentlich ging…

Masse und Macht
Elias Canetti
Fischer Taschenbuch
584 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-596-26544-2
16,- Euro



Finanzkrise: Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Seit 2007 tobt eine weltumspannende Schulden- Finanz- und Wirtschaftskrise, die mit dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 einen dramatischen Höhepunkt erlebte. Immerhin haben es die Zentralbanken, allen Unkenrufen von Seiten der Befürworter einer soliden Geldpolitik zum Trotz, bis heute geschafft, den zeitweise dräuenden Totalcrash des Finanzsystems zu verhindern, wiewohl um den gewaltigen Preis einer Staatsverschuldungsorgie, wie die Welt sie zuvor noch nicht gesehen hat.
Eine Schuldenkrise in einem schuldgeldbasierten System beenden zu wollen, indem man die Geld- und Kreditsummen aufbläst und dadurch das Schuldengebirge noch höher auftürmt, ist indes ein eitles Unterfangen, das den Keim des nächsten Debakels schon in sich trägt. Die Frage ist daher nicht ob, sondern wann es zum Systemkollaps kommt, der zugleich den Zeitpunkt eines Neubeginns markieren wird.
Der deutsche Ökonom Thorsten Polleit, seines Zeichens Chefvolkswirt des Goldhandelshauses Degussa und Honorarprofessor an der Universität Bayreuth, analysiert in einem kürzlich via Twitter verbreiteten Beitrag die Lage. Eingangs konzediert Polleit, dass es gegenwärtig zu einer weltweiten Beruhigung der Lage kommt, um zugleich festzustellen, dass dies „nicht auf natürlichem Wege“ erreicht wurde. Als Ursache dieser nur scheinbaren Erholung identifiziert er die von den Notenbanken betriebene Doppelstrategie aus Nullzinspolitik und Geldmengenausweitung. Das zunehmende Vertrauen der Marktakteure in die Entschlossenheit der Geldeliten, keinesfalls eine Wiederholung eines „Falles Lehman“ zuzulassen und „whatever it takes“ (© EZB-Chef Mario Draghi) zu unternehmen, um sowohl den maroden Euro zu stützen, als auch notfalls weitere gewaltige Anleihenankaufsprogramme aufzulegen, um Großfirmenpleiten zu verhindern, tun ein übriges, um die Zuversicht von Unternehmern und Investoren zu stärken.
Die apostrophierte Doppelstrategie der Notenbanken, die den Schuldnern zulasten der Sparer Luft verschafft, hat allerdings ihren Preis. Den erkennt mittlerweile jedermann beim Einkauf – und zwar nicht nur dann, wenn es um den Erwerb von Immobilen oder Aktien geht. Die allgemeine Teuerung kommt in Fahrt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert sogar ganz unverblümt dazu auf, den Bürgern Deutschlands und anderer vergleichsweise prosperierender Volkswirtschaften, eine höhere Inflation zuzumuten, um auf diese Weise die Sorgenkinder der Union, namentlich die wirtschaftlich schwer angeschlagenen und zudem hoch verschuldeten Riesen Italien und Frankreich, mittelfristig wieder wettbewerbsfähig zu machen.
Polleit: „ Unternehmensgewinne, Arbeitsplätze und Haushaltslage der Staaten sind in hohem Maße davon abhängig, dass die Zinsen niedrig bleiben und die Kredit- und Geldmengen weiter anschwellen. Sie alle sind voll und ganz der Dauerschuldnerei verfallen.“ Das bedeutet im Klartext, dass mit einer „Normalisierung“ der Zinspolitik und einer schrittweisen Anhebung des Zinsniveaus durch die EZB, vorerst nicht gerechnet werden kann – ungeachtet der Tatsache, dass in den USA bereits eine Zinswende eingeleitet wird.
Die mit einer Zinsanhebung verbundenen Leiden wären von den Regierenden, die sich dann mit Serienpleiten und explodierender Arbeitslosigkeit, ja sogar mit Staatsbankrotten konfrontiert sähen, nämlich nur sehr schwer zu verkraften. Jedenfalls dann, wenn sie weiterhin an den Schalthebeln der Macht und den staatlichen Futtertrögen zu verbleiben gedenken.
Polleit kommt zu folgendem Schluss: „Das Fiat-Geldsystem ist eine böse Sache, bei der ein Schrecken ohne Ende vermutlich doch wahrscheinlicher ist als ein Ende mit Schrecken.“

Von Andreas Tögel



Bargeld – verlässlicher Schutz

Geld ist eine grandiose Erfindung, oder besser: Entdeckung. Seine Einführung bereichert das menschliche Leben entscheidend, indem es sämtliche Tauschvorgänge und damit die Ausbildung einer wohlstandssteigernden Arbeitsteilung erleichtert.

Bargeld – verlässlicher Schutz vor den zudringlichen Blicken des Leviathans

30.6.2017 – von Andreas Tögel. Eine eherne Regel der Kriminalistik lautet: Folge stets der Spur des Geldes. Am Ende geht es nämlich in jedem Kriminalfall, sieht man von Machtkämpfen und Eifersuchtsdramen ab, genau darum. Derselbe Grundsatz gilt auch – und ganz…



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