Monatsarchive: November 2019

Die Nullzinsfalle und die Suche nach Auswegen

(Andreas Tögel) Dilemma, so das Internetlexikon „Wikipedia“, auch „…Zwickmühle, bezeichnet eine Situation, die zwei Möglichkeiten der Entscheidung bietet, die beide zu einem unerwünschten Resultat führen. Es wird durch seine Ausweglosigkeit als paradox empfunden.“
Gegenwärtig befinden sich die Zentralbanken beiderseits des Atlantiks, im Hinblick auf die Gestaltung ihrer Zinspolitik, in exakt dieser „paradoxen“ Lage. Halten sie an der Niedrig- oder Nullzinsstrategie fest, zerstören sie die Geldvermögen der Sparer, blasen die Vermögenspreisblase noch weiter auf und treiben die bereits jetzt besorgniserregende Ausmaße erreichende „Zombifizierung“ der Unternehmenslandschaft weiter voran. Verlassen sie aber den rezenten Kurs und heben den Leitzins auch nur moderat an – etwa auf die Höhe der offiziell ausgewiesenen Teuerungsrate (wie das der neue Gouverneur der OeNB, Robert Holzmann angedacht hat) -, wird das eine große Zahl von Unternehmen augenblicklich in die Insolvenz treiben und damit – Stichwort Dominoeffekt – in der Folge auch eine veritable Bankenkrise auslösen. Pest oder Cholera: was auch immer die Zentralbanken in der gegenwärtigen Lage tun, es wird starke Schmerzen verursachen.
Angesichts der Zuspitzung des Nullzinsproblems, widmete die Denkfabrik Agenda Austria möglichen Auswegen aus der Nullzinsfalle einen Vortragsabend, zu dem der Rektor der privaten Wiener Bildungseinrichtung Scholarium, Rahim Taghizadegan, als Redner geladen war. Der Ökonom und Philosoph betonte vor vollem Hause, dass er, befände er sich in der Position des EZB-Chefs, an der verfahrenen Situation auch nichts ändern könnte – zumindest nicht anhand eines „Fünfpunktplans“, der in kürzester Zeit zum Heil führen würde. Patenrezepte gibt’s nicht.
Vor einer Therapie steht, nicht nur in der Medizin, in jedem Fall eine Diagnose. Die Ursachen des gegenwärtigen Dilemmas der Geldpolitik, sieht Taghizadegan in der Entfernung der Notenbankpolitik von den Präferenzen der Bürger und Konsumenten. Die „Österreichische Schule der Ökonomik“, namentlich Ludwig von Mises, weist den Konsumenten die entscheidende Rolle in einer freien Wirtschaft zu. Jeder von ihnen ausgegebene Cent bildet demnach eine (wenn man so will, demokratische) Präferenzentscheidung ab, deren Summe die Unternehmen zu folgen haben. Tun sie das nicht, verschwinden sie alsbald vom Markt. Nur zwangsfinanzierte, in so gut wie jedem Fall unproduktive, Staats- oder staatsnahe Unternehmen können es sich leisten, an den Wünschen der Konsumenten vorbei zu produzieren.
Wenn die Zentralbanken aber nicht den Publikumswünschen, sondern den von der Politik vorgegebenen Zielen folgen, kommt es aufgrund von „Interventionsspiralen“ zu immer stärker werdenden Verzerrungen, die eine optimale Ressourcenallokation verhindern. Der politisch motivierte Wunsch, Firmen- und Bankenpleiten um jeden Preis abzuwenden, weil sonst, so das gängige Narrativ, vielleicht schon morgen wieder die Nazis ihr Unwesen treiben könnten, verzögert die notwendigen Bereinigungen, konserviert erstarrte, unwirtschaftliche Strukturen und behindert die für eine dynamische Wirtschaft so typische „schöpferische Zerstörung“ (© Josef Schumpeter).
Taghizadegan bezweifelt, dass sich politische Ziele einerseits und individuelle Ziele der Bürger andererseits, jemals zur Deckung bringen lassen. Daraus und aus der ständig zunehmenden Machtfülle zentraler Bürokratien, resultieren die gegenwärtig gewaltigen Probleme, denen nicht sinnvoll mit einer One-size-fits-all-Politik zu begegnen ist. Eine nachhaltige Gesundung des Wirtschafts- und Geldsystems setzt kleinräumige Strukturen voraus. „Small is beautiful“ ist indes eine Einsicht, die von der politischen Klasse völlig ignoriert wird.
Keinerlei Hoffnungen, so der Vortragende, sollten in die Erlösungskapazität des politisch- geldindustriellen Komplexes gesetzt werden. Es gibt – weder theoretisch noch empirisch – Anzeichen dafür, dass die Entscheider in politisch-finanzindustriellen Spitzenpositionen klüger sind und/oder irgendetwas besser machen als Otto Normalverbraucher. Deshalb alle Zentralbanker auf den Mond zu schießen, wäre indes auch keine Lösung. Auswege aus der gegenwärtigen Krise können nach Meinung Taghizadegans nur auf individueller Ebene gefunden werden. Jeder einzelne Bürger ist gut beraten, im Rahmen seiner Möglichkeiten vorzusorgen – mittels antizyklischer Investments und durch Vermeidung von Klumpenrisiken.
Im kürzlich bei Leykam erschienenen Büchlein „Geld her oder es kracht“, nennt Taghizadegan zehn Empfehlungen für Anleger.

Geld her oder es kracht
Rahim Taghizadegan
Leykam, 1919
93 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-7011-8131-5
12 Euro



Buchrezension: Der Preis des Lebens

(Andreas Tögel) Oft kommt es nicht vor, dass man in Kriminalromanen über Zitate berühmter Philosophen stolpert. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel, und „Der Preis des Lebens“ ist eine solche. Kein Wunder, ist der Autor doch schließlich ein studierter Philosoph. Die Lehren von Aristoteles, Heidegger, aber auch Sunzi („Die Kunst des Krieges“) ziehen sich durch den gesamten, flott und mit einer Menge Sachkunde geschriebenen Text. Bleibt allenfalls die Frage, ob es in den Reihen der österreichischen Polizei tatsächlich Geistesmenschen vom Schlage des Helden der Story gibt, die in jeder Lebenslage ein geistreiches Zitat zur Hand haben, oder ob hier die Phantasie mit dem Autor durchgegangen ist.

Der Preis des Lebens   Kriminalroman (Deutsch) Paperback – 22. August 2019

Dass neben anderen Geistesgrößen auch der hierzulande weithin vergessene altösterreichische Ökonom und Sozialphilosoph Ludwig von Mises Erwähnung findet (was gilt der Prophet im eigenen Lande?), ist jedenfalls bemerkenswert.
Die Geschichte handelt vom organisierten Organraub und dem damit verbundenen, hochprofitablen Geschäft. Die intelligent konstruierte Geschichte spielt zum größten Teil in Wien, wobei die Parallelwelt des austriakischen Beamtentums und auch anderswo beheimatete Staatsdienste nicht besonders gut wegkommen.
Der Autor hat sich offensichtlich theoretische Grundkenntnisse der Transplantationsmedizin angeeignet und kennt die Staatsbürokratie im Land am Strome recht genau, denn die Handlung erscheint, bis hin zu unbedeutenden Details, durchaus glaubwürdig.
So kämpft der unangepasste Held, der wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten degradierte und zu einer „Sonderkommission“ strafversetzte Hauptmann Lenhart, assistiert von einer österreichischen Version Angelina Jolies in „Tumb Raider“, gegen eine international bestens vernetzte und von höchster Stelle protegierte Truppe von zu allen entschlossenen Gangstern. Die versorgen eine ebenso reiche wie schwer kranke Klientel – gegen stolze Honorare – mit Spenderorganen, was deren ursprüngliche Besitzer leider nicht überleben. Nicht jeder Schwerkranke hat Lust, als Nr. 367 gereihter Patient auf der Warteliste von „Eurotransplant“ zu versterben. Wenn die finanziellen Mittel es erlauben, und einem das Gewissen nicht allzu sehr im Wege steht, müssen eben Krethi und Plethi ins Gras beißen – sofern sie als Spender geeignet und leicht zu „extrahieren“ sind -, nicht aber die reichen und schönen Organempfänger. Das Leben im irdischen Jammertal ist nun einmal kein Ponyhof.
Ein Zufall führt die Ermittler auf die Spur des bestens organisierten Organhandelssyndikats, für dessen Erfolg, neben hochkompetenten Medizinern, auch die moderne Elektronik und skrupellose Auftragskiller Hauptrollen spielen.
Am Ende gewinnt aber doch das Gute und die Übeltäter können nach einem spannenden Parforceritt dingfest gemacht werden. Gottseidank. Allen Lesern sei jedenfalls gewünscht, dass sie niemals selbst auf ein Spenderorgan angewiesen sein mögen – auch auf kein „legales“.



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