Armut macht krank

Wird 2021 ein annus horribilis?

(Andreas Tögel) Die Regierungsmaßnahmen – die „Lockdowns“ – zeigen Wirkung. Weniger hinsichtlich der Volksgesundheit, dafür aber umso mehr, was die prekäre Lage vieler Betriebe angeht. Kanzler und/oder Gesundheitsminister erklären seit Monaten beinahe im Wochentakt, dass die jeweils „nächsten zwei Wochen entscheidend“ sein würden, was eine Normalisierung der Lebensumstände im Lande angeht. Aber leider, leider, die „nach wie vor zu hohen Infektionszahlen“ erlauben angeblich keine Rückkehr zur Normalität und damit zur gewohnten Erwerbstätigkeit.
Der von der Regierung vermittelte Eindruck, dass die schuldenfinanzierten Staatshilfen ein geeignetes Mittel wären, um die betriebliche Wertschöpfung dauerhaft zu ersetzen, täuscht. Allein von bedruckten Banknoten ist schließlich noch keiner satt geworden. Und nur hoffnungslos naive Naturen können ernsthaft annehmen, dass es nach der durch die Lockdowns angerichteten, großflächigen Zerstörung gewachsener Strukturen ausschließlich des guten Willens der Regierung und einer weiterhin ausreichend schnell laufenden Notenpresse bedürfen wird, um den Status quo wiederherzustellen. Das wird mit Sicherheit nicht gelingen. Jeglicher Optimismus, dass es dank der (außerhalb Großbritanniens) europaweit mit erschreckender Langsamkeit anlaufenden Impfaktionen zu einer raschen Erholung der Wirtschaft kommen könnte, sind absolut unbegründet.
Der Alpenländische Kreditorenverband sieht für 2021 dunkle Wolken aufziehen und erwartet einen Insolvenzrekord in der zweiten Jahreshälfte. Grund dafür sind die durch Forderungsstundungen des Fiskus und Veränderungen im Insolvenzrecht bedingten Konkursverschleppungen im zurückliegenden Jahr und bevorstehende Erleichterungen der Voraussetzungen für Privatkonkurse. Letztere werden, im Gefolge von Firmenzusammenbrüchen und Arbeitsplatzverlusten, nach vorsichtiger Schätzung des AKV um bis zu 50 Prozent zunehmen. Bei den Firmenpleiten wird mit einem Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 2019 gerechnet, wobei die Summe der dadurch bedingten Forderungsausfälle (und dadurch möglicher Anschlusspleiten) aus gegenwärtiger Sicht schwer abzuschätzen ist. Angesichts der dramatischen Lage in gleich mehreren Branchen, allen voran der Tourismus, die Gastronomie und der Handel, ist jedenfalls mit einem Negativrekord zu rechnen.
Die durch die Lockdowns und sehr unspezifisch verteilte „Hilfspakete“ verursachte, gleichzeitige (Zer-)Störung des Angebots und der Nachfrage, verschärft die durch die bereits vor der Pandemie zelebrierten Schuldenorgien angerichteten wirtschaftlichen Verzerrungen. Selbst in den USA, die (noch) etwas weniger sozialdemokratisiert sind als die EU, wird die durch eine anhaltende Geldschwemme und konsequente Nullzinspolitik bedingte Zahl der „Zombieunternehmen“ von Fachleuten auf rund 20 Prozent geschätzt. Die tragen sehr wenig zur Wertschöpfung bei, binden aber sowohl Kapital als auch Personal, das anderweitig produktiver eingesetzt werden könnte. Der Nullzins – eine Politik des billigen Geldes – unterbindet die für eine Marktwirtschaft typische „schöpferische Zerstörung“ (Joseph Schumpeter) und führt zu einer Konservierung unrentabler Strukturen.
Fatalerweise wird von der in Wirtschaftsfragen ignoranten Mehrheit der Bürger die Schuld an der Krise aber nicht etwa den dafür verantwortlichen Politikern und Bankern zugewiesen, sondern einem „Marktversagen“, das es jetzt durch noch rigidere politische Interventionen zu korrigieren gilt. Ein fataler Teufelskreis.
Die durch das Virus verursachten Gesundheitsschäden werden sich in der Rückschau als harmlos gegen die nachhaltigen Störungen der internationalen Märkte erweisen. Armut war und ist nämlich allemal die größte Bedrohung für die Gesundheit. Und auf kollektive Armut steuert die ganze Welt – mit Ausnahme Chinas – zu.

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