Buchempfehlung: Wie wir wurden, was wir sind: Eine kurze Geschichte der Deutschen

Auf einer Länge von nur rund 250 Seiten die Geschichte der Deutschen zu erzählen, ist nur dann möglich, wenn man sich, wie der Autor dieses Meisterwerks, auf die Beschreibung der „großen Linien“ konzentriert, auf denen sie ihren Weg durch die Jahrhunderte beschritten haben. 

Was sind für H. A. Winkler nun die alles bestimmenden Elemente? Einmal die dezentrale Struktur des Reiches, die immer im Gegensatz zum französischen Zentralismus stand. Die über Jahrhunderte bestehende Kleinstaaterei innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wirkt nach der 1871 erfolgten Vereinigung bis in die Gegenwart hinein. Auch Luthers Wirken zeitigte – weit über die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges hinaus – bis heute erkennbare Langzeitfolgen.

 Der aufgeklärte Absolutismus der Preußenkönigs Friedrich II. bedeutete de facto eine „Revolution von oben“ und war damit eine der Ursachen für das Ausbleiben einer „echten“ Revolution, respektive deren Scheitern in den Jahren 1848/49.

Ob die von Otto von Bismarck nach dem siegreich beendeten Krieg gegen Frankreich herbeigeführte Neugründung des Reiches, und die damit verbundene Veränderung der bis dahin in Europa bestehenden Kräfteverhältnisse, den Grundstein für alle folgenden Katastrophen gelegt hat, ist bis heute umstritten. Wesentlich scheint dem Autor: „Das politische Bewusstsein großer Teile der deutschen Gesellschaft blieb bis weit in das 20. Jahrhundert hinein obrigkeitlich geprägt.“ Daran, so scheint es, hat sich bis heute nichts geändert. 

Das Trauma zweier verlorener Weltkriege und das den Deutschen seit den Verbrechen der Nationalsozialisten anhaftende Stigma haben den Drang – besonders der Linken – befeuert, dem Nationalstaat endgültig abzuschwören und Deutschland in einem größeren Ganzen – Europa – aufgehen zu lassen.

Winkler setzt den Schwerpunkt dieser Arbeit auf die Zeit ab dem Ersten Weltkrieg und spannt den Bogen über die Zeit des Bestehens zweier deutscher Staaten und deren Wiedervereinigung bis in die Tage der Corona-Pandemie. Er spart nicht mit Kritik an der übersteigerten Form eines Schuldkults, der sich zum immer weiter zu verstärken scheint, je länger die Verbrechen der Nationalsozialisten zurückliegen und der zum anderen zu einer moralisierenden Überheblichkeit führt, es – als die Schuldigsten aller Schuldigen – nun allen anderen zeigen zu müssen, wie man – 100 Prozent politisch korrekt – ein „anständiges“ Leben führt. Die Geschichte Deutschlands umfasst eben mehr als die zwölf Jahre von 1933 bis 1945.

Ein Meisterwerk!

Wie wir wurden, was wir sind: Eine kurze Geschichte der Deutschen
Heinrich August Winkler
Verlag C. H. Beck
255 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-406-75651-1
21,59 Euro

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