Christlicher Antikapitalismus und die Bedeutung der Ahnungslosigkeit

Von Andreas Tögel

Es kommt nicht oft vor, dass ein Wirtschaftswissenschaftler sich der Betrachtung der Phänomene Geld und Kapitalmarkt aus christlicher Sicht widmet. Weil allzu viele Kirchenvertreter zwar über keinerlei Grundkenntnisse der Ökonomie verfügen, aber – gestützt auf einige Bibelzitate – jedenfalls eine rabiat ablehnende Haltung zu Geld und Reichtum einnehmen, ist von dieser Seite diesbezüglich kaum mit einem fundierten Urteil zu rechnen.

Anliegen des Autors Samuel Gregg, Forschungsdirektor des konservativen Acton-Instituts in Grand Rapids / Michigan / USA ist es, die Bedeutung des Geldes im Hinblick auf seine Transformation in wohlstandschaffendes Kapital zu würdigen. Nicht im Horten eines sterilen Schatzes, sondern in der Aktivierung des Mammons um damit Gutes tun zu können, liegt die aus christlicher Sicht positive Funktion materiellen Reichtums. Die von Adam Smith gewonnene Erkenntnis, dass Menschen in Verfolgung ihrer eigennützigen Ziele, auch anderen ungewollt Nutzen stiften, kann aus christlicher Sicht nicht ernsthaft angezweifelt werden.

Um die christliche Haltung zu Geld und Kapital zu analysieren, zitiert Gregg die Bibel, die Kirchenväter, sowie die Spätscholastiker und unternimmt eine Zeitreise von der Antike bis ins Heute. Grundsätzlich ablehnende Positionen, wie sie in jüngerer Zeit – sowohl von katholischen, als auch von protestantischen Funktionsträgern – immer wieder eingenommen werden, konnte er in den christlichen Quellen indes nicht finden. Im Gegenteil: Der Titel seines Buches – Für Gott und den Profit – findet sich sogar auf den Kontenbüchern tiefreligiöser Kaufleute des Mittelalters. Die strikt antikapitalistische Haltung vieler Christen resultiert offensichtlich aus purer Unkenntnis ökonomischer Einsichten. Viele christliche Fundamentalkritiker der liberalen Wirtschaftsordnung haben zwar keine Ahnung, was unter „Spekulation“ zu verstehen ist, oder worum es sich bei einem „Leerverkauf“ handelt, aber sie sind sicherheitshalber grundsätzlich dagegen.

Die Betonung der Bedeutung privaten Eigentums und die Verfolgung des Zieles einer materieller Bereicherung – nicht um ihrer selbst willen, sondern als Mittel zum guten Zweck -, steht keineswegs im Widerspruch zur christlichen Ethik. Die Abgrenzung berechtigter Zinsforderungen vom unbilligen Wucher, ist eines der Themen, denen der Autor – wie das die Kirche durch viele Jahrhunderte hindurch getan hat – große Bedeutung zumisst. Gregg beschäftigt sich auch mit der Herausforderung des „Moral Hazard“, der durch die von Politik und Geldproduzenten falsch gesetzten Anreize begünstigt wird. Die Verantwortung des einzelnen, selbst richtig zu entscheiden, wird dadurch indes nicht kleiner.

Fazit: Ohne Geld, das daraus gebildete Kapital, und die damit entstehenden Möglichkeiten, wäre die Menschheit sehr viel ärmer. Die Bewahrung der Armut aber liegt nicht im Sinn der christlichen Ethik. Lesenswert!

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