Das verfallene Haus des Islam

Wohlwollende, aber dennoch vernichtende Islamkritik

Buchrezension von (Andreas Tögel) Der Autor legt eingangs Wert auf die Feststellung, ein islamkritisches, aber kein islamfeindliches Buch vorgelegt zu haben. Dieses edle Ansinnen ehrt ihn zwar als Wissenschaftler, spielt aber insofern keine Rolle, als in der Welt des Islam (und in jener der im Elfenbeinturm wohnenden westlichen Intellektuellen, die sich als nützliche Idioten des Jihadismus betätigen), ohnehin jede noch so moderate Kritik postwendend als Islamophobie diffamiert wird – und seine präzise fundierte Analyse zugleich jedes Argument der Feinde des lslam auf Punkt und Beistrich bestätigt.

Das verfallene Haus des Islam: Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt

In der in den zurückliegenden Jahrzehnen erfolgten Rückbesinnung auf die historischen Wurzeln des Islam, auf das leuchtende Vorbild des Propheten, den Koran und die Sunna, erkennt der Autor den Hauptgrund für die Stagnation mehrheitlich islamischer Staaten und ihre laufend zunehmende Unfähigkeit, mit dem Rest der Welt in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, technischer, kultureller und militärischer Hinsicht Schritt zu halten.

Das Jahr 1979 markiert für Koopmans den entscheidenden Wendepunkt: der Umbau Irans in einen Gottesstaat, der Einfall sowjetischer Truppen in Afghanistan, die Besetzung der großen Moschee in Mekka durch militante Extremisten – und die auf diese Ereignisse folgenden Konsequenzen – führen zu einer rückwärtsgewandten Reformation vieler islamischer Staaten.

Die für die islamische Welt typische Geringschätzung der Bildung, die haarsträubende Diskriminierung der Frauen und – vor allem – die mangelnde Trennung von Staat und Religion, liefern den Stoff, aus dem die Rückständigkeit islamischer Staaten gewebt ist – aber auch die jener Muslime, die ins „Haus des Krieges“ eingewandert sind. Dort bilden sie – gleich wo – unter allen Religionsbekenntnissen stets den Bodensatz.

Mit zahlreichen statistische Daten belegt der Autor das überall gleiche Bild: nicht eine aufgrund ihres Religionsbekenntnisses erfolgende Diskriminierung, sondern mangelnde Bereitschaft zum Erlernen der Sprache des Gastlandes, selbstgewählte Segregation und die Verweigerung transkultureller Interaktionen bilden die Gründe für das Zurückbleiben der Muslime in ihrer neuen Heimat. Ob es sich um christliche im Vergleich zu muslimischen Migranten aus dem Libanon oder um hinduistische, verglichen mit muslimischen Migranten aus Indien handelt – stets schneiden letztere in allen erhobenen Daten schwächer ab – außer bei der Fertilität.

Dass in der islamischen Welt die Einführung des Buchdrucks 300 Jahre später erfolgte als im Okzident; dass in der Zeit von 1979 bis 2014 mehr Bücher ins Finnische als ins Arabische oder Türkische übersetzt wurden, spricht Bände. Die Welt des Islam ist die „Welt des einen Buches“: Alles Wichtige steht im Koran. Was nicht im Koran steht, ist es nicht wert, gewusst zu werden. Diese Überzeugung wird den weiteren Verfall des islamischen Hauses garantieren.

Dass ein von Moslembrüdern, Salafisten, Wahhabiten und reaktionären Schiiten dominierter Islam mit dem westlichen Gesellschaftsmodell unvereinbar ist, steht für Koopmans außer Frage, der in diesem Punkt dem für seine kritische Analyse von vielen westlichen Progressiven gescholtenen Samuel Huntington („Clash of Civilisations“) folgt.

Deshalb mutet die am Ende des Buches geäußerte Hoffnung auf einen liberalen Aufbruch der islamischen Welt und auf die Schaffung einer demokratiekompatiblen Form des Islam, im Lichte der aktuell sogar in der einst laizistischen Türkei in die entgegengesetzte Richtung verlaufenden Entwicklung, etwas weltfremd und naiv an.
Dennoch: absolute Leseempfehlung wegen der umfangreichen vergleichenden Statistiken.
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