Der gar nicht so Wilde Westen

Eine Korrektur des verzerrten Bildes vom Wilden Westen

(Andreas Tögel) Das heute vorherrschende Bild vom „Wilden Westen“ wird von einschlägigen Filmklischees bestimmt: Da wimmelt es von blutrünstigen Indianern, gewissenlosen Revolverhelden, größenwahnsinnigen Rinderbaronen und Minenbesitzern. Es herrschen Mord, Totschlag und Lynchjustiz, wohin das Auge auch blickt. Das bereits 2004 nach langjähriger, akribischer Recherchearbeit in englischer Sprache erschienene und nun auch auf Deutsch vorliegende Buch zur Erschließung des Westens der USA, räumt mit all diesen Stereotypen gründlich auf.

 

Der gar nicht so Wilde Westen

 

Es ist unglaublich, wie rasch sich in einem riesigen, staatsfreien und gesetzlosen Raum Institutionen und Regeln herausbildeten, die ein gedeihliches und für alle Seiten vorteilhaftes Zusammenleben unter Konkurrenzbedingungen möglich machten. Basis dieser Entwicklung bildete die Einsicht, dass der Einsatz von Gewalt im Kampf aller gegen alle, sämtliche Transaktionskosten in die Höhe treiben und zu einem ruinösen Negativsummenspiel führen würde. Dagegen bot eine Kooperation, sowie die Erstellung, Einhaltung und Durchsetzung von allgemein gültigen Regeln und Verträgen, wirtschaftliche Vorteile für alle Akteure.

Die Autoren beschreiben jene Institutionen, die als Antwort auf die sich bei der Erschließung des Westens stellenden Herausforderungen entstanden und die beispielsweise die Ausbeutung von Bodenschätzen, die Landerschließung, Viehzucht und –Transporte, Wasserrechte, die Organisation von Wagentrecks usw. regelten. Grundlage dafür bildeten klar definierte Eigentumsrechte, die mit dafür geeigneten Mitteln durchgesetzt und verteidigt werden.

Wer meint, die auf den nordamerikanischen Prärien umherstreifenden Ureinwohner des Landes hätten kein privates Eigentum gekannt, wird hier eines Besseren belehrt. Selbst die Vererbung von Nießbrauchrechten war in vielen indianischen Stämmen klar geregelt.

Das von den europäischen Eroberern mitgebrachte Pferd hat das Leben der indianischen Ureinwohner (die zuvor nur zu Fuß jagen konnten, was den Einsatz großer Gruppen erforderte) ebenso dramatisch verändert, wie die Erfindung des Stacheldrahts (der 1874 patentiert wurde) das der weißen Viehzüchter und Farmer.

Über lange Zeiträume hinweg friedliche Interaktionen zwischen Indianern und weißen Pionieren kamen in dem Moment zu ihrem Ende, als nach dem Ende des Bürgerkrieges der Einsatz der Bundesarmee vielen Goldsuchern, Siedlern und Farmern eine Chance zum „Rent-seeking“ durch Gewalteinsatz – Vertragsbruch und Vertreibung – bot. Auch in vielen anderen von den Autoren geschilderten Fällen (wie beispielsweise in der Frage von Wasserrechten und bei der Landzuteilung) stifteten staatliche Eingriffe in bereits bestehende, privatrechtlich gebildete Institutionen, oft mehr Schaden als Nutzen.

Das Buch bietet nicht nur historische Erkenntnisse, sondern liefert darüber hinaus auch Einsichten in die zu jeder Zeit mögliche Veränderlichkeit bestehender Institutionen. Neue Technologien (im Fall des „Wilden Westens“ etwa die Einführung des Stacheldrahts) ermöglichen neue Varianten des Eigentumsschutzes. Dieser Tage bietet etwa die Verfügbarkeit elektronischer Technologien – etwa das GPS-System – ein neues Mittel zur Festlegung von Wasserrechten. Wenn es zur Erschließung des Mars kommt, so der Ausblick, werden möglicherweise ähnliche Phänomene der Konkurrenz und Kooperation zu beobachten sein, wie in der „Open Range“ des Wilden Westens.
Fazit: lesenswert!

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