Der General: Charles de Gaulle und sein Jahrhundert

Buchrezension

(Andreas Tögel) Eine nicht belegte Aussage des Generals, anlässlich eines 1970 – nach seinem Rücktritt als Staatspräsident und kurz vor seinem Tod – erfolgten Besuches beim greisen Caudillo Francisco Fanco nahe Madrid, liefert ein anschauliches Charakterbild dieses zweifellos großen Franzosen: „Sie sind der General Franco, das ist schon etwas; ich hingegen war der General de Gaulle.“

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De Gaulle hat die Geschichte Frankreichs – mit einer längeren Unterbrechung – für beinahe drei Jahrzehnte entscheidend geprägt. Er hat sich, nach der 1940 erfolgten Kapitulation Frankreichs vor den Deutschen, zum Führer des „Freien Frankreich“ aufgeschwungen und beharrlich am Ziel der Befreiung seiner Heimat von der feindlichen Besatzung gearbeitet. Zunächst im Exil in London, brachte er mit seiner halsstarrigen, oft auch anmaßenden Art, Premierminister Winston Churchill immer wieder gegen sich auf. US-Präsident Franklin D. Roosevelt (der die Kooperation des „Freien Frankreich“ für die geplante Invasion Nordafrikas und Italiens benötigte), hielt ihn gar für übergeschnappt.

Dennoch brachte der General in den Jahren 1944/45, nach dem Abzug der Deutschen, das Kunststück zuwege, die tief gespaltene Nation – allen inneren Widerständen zum Trotz – unter der Trikolore zu einen. In seinen Memoiren würdigt er die Leistungen der Alliierten – namentlich die der Amerikaner – zur Befreiung Frankreichs mit kaum einem Wort. In seiner Darstellung haben sich die Franzosen so gut wie alleine und aus eigener Kraft der deutschen Besatzung entledigt.

Johannes Willms hat keine trockene Aneinanderreihung historischer Fakten vorgelegt, sondern schildert den Werdegang des Soldaten und Politikers de Gaulle in einer subtilen, respektvoll-distanzierten Weise, bisweilen nicht ohne Ironie. Er verkennt nicht das wiederholt aufblitzende Genie des Mannes, der immer wieder einen beispiellosen Sinn für die richtige Einschätzung der Lage und seiner Möglichkeiten zeigte – etwa als er es im Zuge der Algerienkrise 1961 verstand, einen Militärputsch abzuwenden, ohne sich zugleich mit den führenden Militärs zu überwerfen. Ganz pragmatisch und kühl löste er das Algerienproblem ohne ein katastrophales Blutbad heraufzubeschwören – und er entließ die die verbliebenen Kolonien Frankreichs in die Unabhängigkeit.

Im grellen Gegensatz zu dieser gewandten, an den vorhandenen Möglichkeiten orientieren Politik, stand sein stures Festhalten an der überlebten Vorstellung von der „Grandeur“ Frankreichs, die mit dessen politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg einfach nicht in Einklang zu bringen war. Immerhin blieb er mit der Parole „Ich oder das Chaos“, lange Zeit innenpolitisch erfolgreich.

Gegen Ende seiner politischen Karriere, als alter Mann an der Spitze einer autonomen Nuklearmacht, wirkte und agierte er häufig wie aus der Zeit gefallen. Nach einem gescheiterten Referendum zur Unternehmensbeteiligung der Arbeiter, erklärte er seinen Rücktritt und überließ seinem langjährigen Weggefährten Georges Pompidou das Feld. Mit seinem Tod am 9. November 1970 ging eine Ära zu Ende.

Für den an Zeitgeschichte interessierten Leser ist das vorliegende Buch außerordentlich empfehlenswert!

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