Die Infantile Gesellschaft – Wege aus der selbstverschuldeten Unreife

Buchrezension

(Andreas Tögel) Der Autor stellt zu Beginn fest: „Kindische Erwachsene sind Erwachsene im Stand selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Die diagnostizierte Infantilisierung der Gesellschaft bedeutet somit einen Rückfall hinter die Errungenschaften der Aufklärung, die Immanuel Kant als den Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit definiert und mit der Forderung verbunden hat, sich doch gefälligst des eigenen Verstandes zu bedienen.

Markus Spiske at Pexels

Im Wettstreit der Gefühle mit dem Verstand kommt letzterer indes regelmäßig unter die Räder. Die Figur des Peter Pan verdeutlicht das Problem: Er kann und will nicht erwachsen werden – wie so viele Zeitgenossen heute auch. Er verharrt in ewiger Kindheit. In den Fußstapfen Peter Pans hüpfen dieser Tage Erwachsene beiderlei Geschlechts gegen Nazis und ihre Kinder, die es nicht besser wissen können, schwänzen unter dem Beifall ihrer Eltern die Schule, um das Klima zu retten. Wäre es nicht zum Weinen, könnte man darüber glatt in Gelächter ausbrechen.

Alexander Kissler nimmt in seinem Buch häufig – und keineswegs kritiklos -, Bezug auf den Philosophen und selbsternannten Erziehungsexperten Jean-Jacques Rousseau. Dessen Imperativ „zurück-zur-Natur“ wird nach seiner Einschätzung vielfach völlig missinterpretiert.
Konsumgüterindustrie, Internetgiganten und politische Klasse sind inzwischen dazu übergegangen, erwachsene Menschen nahezu durchgängig zu duzen – zumindest in der Pluralform. Wie man Kinder halt so anspricht. Und die vom übergriffigen Wohlfahrtsstaat zunehmend unter Kuratel gestellten Bürger sind bereits so weit infantilisiert, dass sie bei jedem vermeintlich auftretenden Problem reflexartig eine prompte Intervention ihres Vormunds fordern. Eigenverantwortung in Nimmerland? Passé. Im Zweifel müssen Verbote her – um zu verhindern, dass der Nachbar tut, was man selbst nicht möchte.

Diese Mentalität spielt der Verbotspartei schlechthin, den Grünen, in die Karten. Sie eilen derzeit von einem Wahlerfolg zum nächsten.

Dem Hype um Greta Thunberg widmet der Autor – zu Recht – breiten Raum. Wenn die politischen Führer, Spitzenkleriker und Topmanager dieser Welt ergriffen den stereotypen Anklagen einer Halbwüchsigen (die sich stets auf „die Wissenschaft“ beruft, die es zum einen gar nicht gibt und von der sie zum anderen aus naheliegenden Gründen keine Ahnung haben kann) lauschen, sollten allerorts die Alarmglocken schrillen. Die von Greta gewollte und geschürte Panik liefert nämlich keine vernünftige Basis zur Bewältigung der tatsächlichen oder imaginierten „Klimakrise“. Ein kühler Kopf produziert allemal bessere Ideen als ein unduldsamer, ideologiebeladener Hitzkopf. Die von der kleinen Schwedin angepeilte „Überwindung des Kapitalismus“ wird die Menschheit jedenfalls nicht voranbringen. Eher im Gegenteil.

Leider kommt die Beschreibung des Weges aus der Unreife zu kurz. Mehr oder weniger auf Immanuel Kants eingangs zitierte Forderung zu verweisen, erscheint ein wenig zu abstrakt. Trotz dieses kleinen Defizits hat Alexander Kissler ein absolut lesenswertes, in einer heute selten gewordenen, eleganten Sprache verfasstes Buch vorgelegt!

Die Infantile Gesellschaft – Wege aus der selbstverschuldeten Unreife
Alexander Kissler
Verlag Harper-Collins
255 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-7499-0014-5
19,62,- Euro

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