„Die letzte Reise“ – Intellektuelle, Corona und die rudimentäre Restfreiheit

Heute, am 14. Februar 2021, wäre Roland Baader 81 Jahre alt geworden bzw. hätte um diese Zeit unter normalen Umständen auch wieder das traditionelle Roland-Baader-Treffen in Waghäusel-Kirrlach stattgehabt. Ein Rückblick auf die vorläufig letzte Ausgabe im Februar 2020. 


Schon seit Jahren hatte ich es mir vorgenommen, und 2020 sollte sich mir endlich die Gelegenheit dazu bieten: die Teilnahme am jährlichen Roland-Baader-Treffen im Heimatort Roland Baaders, ein absolutes Must-Go für viele Anhänger der Austrian School. Nach meinem Lieblingsautor befragt, antwortete ich bereits während meines VWL-Studiums: Roland Baader. Das für mich (damals noch) lebende Beispiel dafür, dass Christentum und freiheitsliebende Lebenseinstellung keine Gegensätze sind, sondern dass man im Gegenteil als Christ konsequenterweise auch freiheitlich (um nicht zu sagen: libertär) eingestellt sein müsste: Roland Baader. Der Autor meines allerersten beim großen gelben Onlinebuchhändler bestellten Buches: Roland Baader. Nicht selten sollte gerade dieses (gegenständlich: „Die belogene Generation“) und auch andere seiner Werke von mir konsultiert und samt Quellenangabe eingebaut werden, wenn es auf der WU um die Abfassung einer Seminararbeit über ein Thema mit inhärent linker Schlagseite ging.

Die Anreise in den besagten Ort namens Waghäusel-Kirrlach verlief trotz mehrmaligen Umsteigens reibungslos; ich hatte mich trotz aller Autoliebe für eine klimaneutrale Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln entschieden, nämlich mit Flugzeug und Bahn. Hatte ich, bekannt als „The Lasseean Libertarian“, mir Waghäusel-Kirrlach immer als „kleinen Ort“, maximal von der Größe und Bedeutung meines Herkunftsortes Lassee, vorgestellt, wurde ich spätestens bei der Ankunft am Bahnhof Waghäusel eines Besseren belehrt, denn es gab – Omnibusse. Nahverkehrsbusse, von denen einer laut Mobilitäts-App direkt vor die Haustür meiner gebuchten Pension fuhr. Und das jede halbe Stunde. (Als kleiner Exkurs ist dazuzusagen, dass man in Lassee von einer Busverbindung vom – immerhin vorhandenen – Bahnhof in die Ortsmitte nur träumen kann.) Damit löste sich das letzte kleine Fragezeichen bei der Anreise schlagartig von selbst auf, nämlich die Frage, wie ich ohne Taxi die Strecke vom Bahnhof bis ebendorthin mit dem Fluggepäck bewältigen sollte. (Freimarktwirtschaftliche app-basierte Taxialternative aus Amerika oder Estland stand leider keine zur Verfügung.)

Die „last mile“ war geschafft – als ich am „Platz“ ankam, begrüßte mich episches Glockengeläut der nahen Pfarrkirche. Freitag, drei Uhr nachmittag. Hier hielt man zumindest diese Tradition noch hoch. Auf dem Gehsteig fanden sich Konfetti- und Girlandenreste vom Faschingsumzug – ebenso ein Traditionszeugnis. Am „Platz“ – korrekte Bezeichnung: „Am Kreuz“ – befand sich ein nett aussehendes Café, das auf einer Menütafel auf eine für den kommenden Tag angesagte „geschlossene Gesellschaft“ hinwies. Nach dem Bezug meines Zimmers verbrachte ich den restlichen Tag mit „Chillen“, einem Spaziergang zum Supermarkt zwecks Bewunderung der deutschen Warenvielfalt und des deutschen Preis-Leistungs-Verhältnisses sowie etwas libertärem Lesestoff. Socializing sollte es an diesem Tag für mich noch keines geben.

Der nächste Tag begann ähnlich, wie der vorhergehende aufgehört hatte – mit einem kleinen Einkaufsspaziergang, auf dem ich in einem netten Modegeschäft einen Blazer erstand, der mir ins Auge gesprungen war – dies als ein erstes kleines „Souvenir aus Waghäusel“. Ich darf mich an dieser Stelle wiederholen: ich befand mich nicht etwa in einer ruralen Marktgemeinde in der Größenordnung von Lassee, sondern in einer mittelgroßen Stadt, „suburbia-style“, mit entsprechender Infrastruktur und Nahversorgung. Diese, sowie ein Schild, das auf einen lokalen Schützenverein hinwies, galten für mich als Zeugnisse eines immer noch vorhandenen Restkapitalismus, einer Restfreiheit inmitten aller völlig zu Recht von Roland Baader schon zu dessen Lebzeiten angeprangerten Freiheitseinschränkungen und staatlichen Gängelungen.

Später am Tagungsort traf ich nach und nach auf meine sich einfindenden libertären Freunde und Bekannten und natürlich die Veranstalter sowie die Verantwortlichen für die Büchertische, auf denen ich mehrere im Fluggepäck mitgebrachte Bücher aus dem scholarium zum Verkauf platzieren durfte. Einige Teilnehmer befleißigten sich anstatt eines Händedrucks oder „Abbusselns“ des „Corona-Grußes“ (winkende Handbewegung) – diese Personen dürften bereits zu diesem Zeitpunkt eine gewisse Vorahnung der bevorstehenden Entwicklungen gehabt haben. Auch ein weiteres Waghäusel-Souvenir konnte ich erstehen: eine wiederverwendbare, umweltfreundliche Einkaufstasche mit Baaders Konterfei. Mit dieser Einkaufstasche hätte ich in der Bobo-Einkaufsmeile in Wien sicher eine gute Figur gemacht, hätte man nicht kurz darauf praktisch alle Geschäfte des nichttäglichen Bedarfs behördlich geschlossen, sodass Einkaufsbummel vergleichbar mit dem oben beschriebenen für längere Zeit der Vergangenheit angehörten.

Vor Beginn des Offiziums war ein Spaziergang zu Roland Baaders Grab angesagt, dem ich mich gerne anschloss. Nach ein paar Momenten des andächtigen Innehaltens ging es wieder retour zur Veranstaltungshalle. Ein Gesprächsthema der neben mir gehenden Teilnehmer: der „Präzisionssport“, wie man ihn politsch korrekt nennt. Nicht ohne Rührung dachte ich mir bereits jetzt: „In welchem Rahmen darf man denn sonst in einem Land wie Deutschland (gilt ebenso auch für Österreich) über dieses Thema so frei reden?“

Das Offizium begann – der erste Redner des Tages war Rahim Taghizadegan, seines Zeichens Roland-Baader-Preisträger von 2017.

Zusammenfassung des Vortrags von Rahim Taghizadegan

Das Buch „Totgedacht – Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören“, dessen Neuauflage sich die diesjährige Veranstaltung schwerpunktmäßig widmete, lobte Rahim Taghizadegan gleich eingangs als eines der besten Bücher Roland Baaders. Der Titel impliziere, dass man auch nicht nur jemanden totschlagen, sondern auch etwas „totdenken“ könne; dass dem Denken eine gewisse Gefährlichkeit innewohne, weshalb sich die Frage stelle, ob man das Denken nicht lieber komplett einstellen solle.

Friedrich August von Hayek sei bereits darauf eingegangen, dass die längste Zeit der Geschichte des Menschen sich in Stammesgesellschaften abgespielt hätte, wovon auch heute noch viele unserer Institutionen geprägt seien. Sprache und sprachliche Symbole, Riten, Kulte, Mythen und Tabus seien innerhalb dieser Stammesgesellschaften weitergegeben worden, und über diese definierte sich der Zusammenhalt der Gemeinschaften. Dies sei der Überlebensvorteil unserer Vorfahren gewesen, und die Funktionsweise der Geisteselite sei dem sehr ähnlich. In frühen Hochkulturen wie den Inkas hätten die Kultstätten gleichzeitig als wirtschaftliche Zentren und auch „Umverteilungszentren“ fungiert, in denen genetisch nicht verwandte Menschen zur Kooperation angehalten waren. Es hätte andererseits in diesen Kulturen wie etwa bei den Inkas nicht nur gemeinsames Singen und Tanzen stattgefunden, sondern es sei ziemlich blutig zugegangen. Die Mär vom „edlen Wilden“ sei ein Mythos, wie Roland Baader bemerkt hätte, und die Rolle der Gewalt in den Gesellschaften und der Menschheitsgeschichte sei eine unterschätzte. Die Verbrüderung unter nicht genetisch Verwandten sei oft aufgrund gemeinsamer Feindbilder und zum Preis von Menschenopfern und „Sündenböcken“ erfolgt.

Besonders René Girard sei auf Menschen- und Kindesopfer der Geisteselite eingegangen, die genutzt wurden, um ein Spaltungspotential abzuleiten – dies seien Schwache, Ungeschützte, Auswärtige oder „Andersartige“ gewesen, deren bewusste Opferung als Element des Umverteilungsstaates gelten. Eine geistesgeschichtliche Ausnahme für diesen Opferungsmechanismus bestünde, wenn ein Einzelner eine neue Idee oder ein Konzept einbrächte, die für kleine traditionelle Gemeinschaften zwar eine potentielle Bedrohung sei, die aber Innovationspotential freizusetzen imstande sei, wodurch die von Hayek beschriebene Evolution sich nicht mehr nur im Absterben von Menschengruppen zeigen könne, sondern auch im Absterben falscher und untauglicher Ideen. Dies sei der positive Kern des kritischen Denkens und die Grundbedeutung des intellectus. Vernunftgeleitete Erkenntnis könne helfen, die Welt besser zu verstehen und durch Innovationskraft zu verbessern – dies gehe aber meistens schief, wie auch die meisten Unternehmer scheitern würden. Nachdenken mache die Dinge oft nicht besser. Die wenigen Fälle (unternehmerischer) Ideen, die „gutgehen“ würden, würden die „Dummheiten“ aufwägen, die wir tagtäglich begehen.

Doch ist dieser Weg nicht zu riskant? – so Rahims rhetorische Frage. Abu Hamid Al-Ghazali, der die griechische Philosophie studiert hatte, sprach in seinem Werk „Inkohärenz der Philosophen“ davon, dass es erstaunlich sei, wieviel Unsinn kluge Menschen denken und wie sie immer wieder die gleichen Fragen stellen und neue falsche Antworten geben würden – dass es somit eine große Inkohärenz im Denken gäbe und dies natürlich Auswirkungen auf Gemeinschaft und Gesellschaft hätte, sowie dass Ideen ein Spaltungspotential innewohne. Ghazalis Schlussfolgerung: Denken sei zu riskant; es sei mithin einfacher, Gottes Naturgesetze als gegeben anzunehmen. Es existiere keine bleibende kausale und zeitliche Struktur der Welt, die wir verstehen könnten – dies markierte das Ende der islamischen Philosophie, und es sei bis heute prägend für diesen Kulturraum.

Auch die Chinesen seien dereinst vor einer solchen Weichenstellung gestanden, als sie sich die Frage stellten, ob Fernhandel nicht zu riskant sei? -diese Frage sei nach damaliger Kenntnis bejaht worden. Die chinesische Flotte wurde zerstört, der Fernhandel eingestellt, und China ging nieder. Diese Enscheidung hatte weitreichende Folgen für die nachfolgenden Generationen.

Denken, ebenso wie ein kritischer Geist, hätte, wie man sieht, praktische Auswirkungen, wie man in der Ideologisierung in der Neuzeit erkennen könne. Der Begriff Intellektuelle stamme, wie Baader erklärt, aus Frankreich – dort seien „Denkende“ besonders aus dem linken Lager, die sich in der Dreyfus-Affäre auf die Seite Dreyfus‘ gestellt hätten und kein Gefühl für Werte des Patriotismus und der Zusammengehörigkeit zeigten, mit derart spöttischen Begriffen bedacht worden. Die Dreyfus-Affäre sei geistesgeschichtlich unglaublich wichtig gewesen für die europäische Entwicklung – auch der Keim des Zionismus sei als Reaktion darauf gesetzt worden. Die Dreyfus-Affäre sei eine Dolchstoßlegende, die zur anitsemitischen Hysterie und Spaltung und Verunsicherung der französischen Nation geführt hätte. Die Schuldfrage könne man nicht rational stellen, sondern ein patriotischer Mensch sollte doch schon spüren können, dass eine Schuldigkeit vorliege, denn diese läge bereits darin, Anstoß zu erregen und damit die Wehrfähigkeit der Nation zu bedrohen und somit das Vertrauen zu untergraben. Die „Rechte“ sei aus damaliger Sicht zum Schluss gekommen, die Vernunft einzustellen. Dies als häufig zu beobachtendes Muster.

Als Linke Wahrgenommene gehen innerhalb dieses Dilemmas „Stabilität versus Kritik“ (ähnlich wie es zum Zeitpunkt des Vortrages bereits in China angesichts der Pandemie beobachtet werden konnte) den Weg, das Element des Auflösenden in der Kritik zu nützen – jenen Weg, den Rahim tendenziell eher den „Linken“ zuschreiben würde. Die Destruktivität des berühmten „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ könne je nach Kontext ein günstiges Ferment der Entwicklung und Strukturauflösung sein. Doch müsse es sich hier um das „Salz in der Suppe“ handeln – es käme auf die richtige Dosierung an. Dieses „Destruktive“ sei der „linke“ Weg. Der „rechte“: eine Betonung von Gefühl und Intuition sowie die Bewahrung des konservativen Elements in den Gesellschaften – mit Ablehnung der Rationalität.

Wie kann es zu einem „Totdenken“ aufgrund dieses Dilemmas kommen? Dies passiere dann, wenn man das Element der zersetzenden Kritik in vormoderne Gesellschaften übertragen wolle. Dieses zersetzende Element fände sich in sich modernisierenden abendländischen Gesellschaften wieder. Die Gesellschaften würden „bürgerlicher“ – es komme zu einer Abstraktion von alten Sippen- und hierarchischen Bezügen und zu der Möglichkeit, einen kritischen Diskurs zu führen, wie es sich in der Salon- oder der Kaffeehauskultur zeige, und die Teilnahme daran bedinge und fördere einen gewissen Grad an „Zivilisierung“. Wer sich in diesem Terrain nicht aufgehoben fühle, würde antibürgerliche Kritik üben; er würde zum „Rebell“, zum „Salz“ in der „Suppe“, und eine gewisses Gefühl des Unbehagens sei aufgrund der Steifheit des viktorianischen Zeitalters durchaus denkbar. In vormodernen nichtbürgerlichen Gesellschaften hätte eine derartige Rebellion eine ganz andere Wirkung. So etwa – als ein Beispiel – in der Ukraine zur Zeits des Holodomor. Ein gebildetes fabisches Ehepaar aus England namens Webb, das sich für „gemäßigt“ hielt, sei in die Ukraine gereist. Das „steife“ Großbritannien, so meinten sie, solle sich sukzessive „verändern“ – die beiden hielten sich für „Pioniere des Aufbruchs“. Das Ehepaar hätte berichtet, es gäbe in der Ukraine keine Hungersnot, daher müsse das Sowjetregime „überlegen“ sein. Diese Sichtweise über die Sowjetzeit hätte sich bis heute gehalten. Stalin solle bloß nicht schlecht dastehen – dies würde die Aufgabe der Webbs merklich erschweren. Auf diese Weise sollten sie – aus Rahims Sicht – auch zu Mitschuldigen an der Legitimierung der Verbrechen des Völkermordes werden.

In Kambodscha – das zweite Beispiel – sei ein Drittel der Bevölkerung dem Völkermord zum Opfer gefallen. Der Einfluss war ein indirekter; das Vorbild: der westliche Sozialismus. Diese Idee wurde aber verpflanzt in eine Kriegssituation. Dazu kam der Unwille zu verstehen, wie Wirtschaft und menschliches Handeln wirklich funktionieren – dies führte zu Falschinterpretationen der Realität mit verheerenden Folgen. Der Glaube herrschte vor, dass der Sozialismus zu höherer Effizienz führen würde. In Wahrheit hätte jedoch die Produktion ab- statt zugenommen – das, so meinte man, müsse an den Saboteuren liegen. Die „Lösung“ wäre, die Saboteure aufzuspüren und „auszuschalten“. Dies führte zu einer weiteren Abnahme der Produktivität. Die schnelle Erklärung: man hätte unterschätzt, wie weitverzweigt die Netzwerke der Saboteure waren, und müsse auch Menschen aus deren Umfeld „ausschalten“, um auszutesten, wer wie auf diese Verbrechen reagierte. Nach und nach seien auf diese Art auch immer mehr regimetreue Menschen „eliminiert“ worden.

Im dritten Beispiel Iran herrsche eine „Spielart des modernen Islamismus“ vor – gepflegt von den „Studierten“, nicht den „Primitiven“. Der Soziologe Ali Shariati etwa – der in Frankreich studiert hatte – schrieb über den antisozialistischen Kolonialismus und verband diesen mit radikalen schiitischen Ansätzen – verpflanzte ihn somit in eine vormoderne Gesellschaft. Die „Verdammten dieser Erde“, die „ausgebeuteten“ Menschen in den Kolonien der Südhalbkugel, würden sohin eine „rote Schia“ bilden – eine Verbindung von Sozialismus, antiwestlichem Denken und schiitischen Häresien – in Widerspruch zu den traditionellen Geistlichen stehend. Dies führte zu einer blutigen Revolution mit unglaublichem Blutzoll – durch „Intellektuelle“ ausgelöst.

Man könne nun den Schluss ziehen, man müsse als „Intellektueller“ „anti-intellektuell“ werden, und Rahim rechnete es Baader hoch an, dass er gleich zu Anfang des Buches genau davor warnte.

Warum kann man sich beim Denken in solche Sackgassen verrennen? Dies passiere, wenn eine Spezialisierung der Geisteselite stattfände und diese nicht in Berührung mit zwei Elementen als Korrektiven kämen, die der Erkenntnis Wert geben können:
1. Dem (offenen) Diskurs mit freiem – disziplinierenden – Wettbewerb der Argumente, der eine Reibung zwecks „besseren“ Nachdenkens explizit zulässt. Dies setze eine entsprechende Diskussionskultur und Vertrauen in den Diskurs voraus, dass dieser nicht gegen einen selbst verwendet würde, und sei genau deshalb in den Salons so gut entwickelt, wo die entsprechende Grundintimität gegeben sei. 2. Den Wechselwirkungen mit dem Handeln in der Welt – Ludwig von Mises sprach in diesem Zusammenhang von den kratischen (mit Drohung und Gewalt verbundenen) und den katallaktischen (auf Freiwilligkeit basierenden) Formen des Handelns. Diese würden für entscheidendes Feedback und die entsprechende Erdung sorgen. Wenn Intellektuelle dies nicht beherzigen, sich nur in Filterblasen bewegen und noch dazu kein katallaktisches, sondern kratisches Handeln pflegen, würde es problematisch, denn spätestens im Kontext der Kratik würde das Denken gemeingefährlich. Ausnahmen seien etwa in der österreichischen Geistesgeschichte („österreichische Aufklärung“) zu finden, einer Strömung, die viele Fehler aufweise, aber viel Erkenntnismöglichkeit böte – sehr ähnlich der schottischen Aufklärung. Der Unterschied zum französischen Counterpart: die Berührungspunkte zu unternehmerischer Tätigkeit. Die Unternehmer Schottlands hätten dank Wohlstands über ausreichend Muße verfügt und seien gerade durch die erlebte Wettbewerbssituation im Unternehmerdasein entsprechend geerdet worden. Roland Baader hätte genau dieses Erbe in einer schwierigen Zeit am Leben gehalten – es sei in „Totgedacht“ deutlich seine Erdung durch seine lange Unternehmerkarriere und Praxiserfahrung zu erkennen.

Der Irrtum, dass jedes komplexe System erkennbar und neu zusammenzusetzen sei, zeigt sich zum Beispiel auf dem Gebiet der Medizin – es gäbe auch die „Wiener Schule der Medizin“. Erwin Dekker spricht etwa vom (von ihm falsch bezeichneten) „therapeutischen Nihilismus“ – seine Erkenntnis: es gäbe zwei Zugänge zum Menschen: 1. das „Aufschneiden“ und „Besser-Zusammensetzen“ desselben wie bei einer Maschine – was aber freilich zu einer gefährlichen Hybris führe; 2. die Übung von Bescheidenheit über die Komplexität des Körpers mit der Prämisse „primum non nocere“ („richte nicht noch mehr Schaden an“) und einem Fokus auf die Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Körpers. Ausgenommen seien freilich Fälle mit Indikation für chirurgische Eingriffe. Auch hier sei die Intervention allenfalls punktuell und jedenfalls höchst risikobehaftet und scheitere oft schon an der Komplexität eines (einzelnen) Körpers – man spreche hier noch nicht von der vielfach höheren Komplexität einer gesamten Gesellschaft. Interventionismus könne ein Chirurg nicht üben, denn dies würde bedeuten, dass er ständig am Schneiden sein müsste und der Patient entsprechend bald tot sei.

Dieses Abstandnehmen vom Gottspielertum, diese Bescheidenheit, sei es, was den wirklich Intellektuellen kennzeichnen sollte – dann könne laut Baader das Denken Kollateralschäden reduzieren, wenn es wirklich drauf ankommt und es ums Überleben der Menschheit geht.

Link zum Vortrag von Rahim Taghizadegan: https://www.youtube.com/watch?v=qUjWCJS9JGA

Auch Dr. Michael von Prollius, der nach Rahim das Rednerpult betrat, war voll des Lobes über – so wörtlich – „sein Lieblingsbuch“.

Zusammenfassung des Vortrags von Michael von Prollius

Michael von Prollius‘ Exemplar des gegenständlichen Buches habe eine lange Reise bis nach Südafrika hinter sich – an den Wirkungsort Ludwig Lachmanns. Wien kreditierte er als „Zentrum der Welt von gestern“ und das scholarium im gleichen Atemzug als „einen der besseren Orte [von morgen]“.

Alle großen gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts seien laut Roland Baader „Kopfgeburten von Intellektuellen“ gewesen. Mit dieser Diagnose befände sich Baader in guter Gesellschaft dreier weiterer großer „Austrians“ wie Ludwig von Mises (in: „Nation, Staat und Wirtschaft“), Friedrich August von Hayek (in „Der Weg zur Knechtschaft“) sowie Henry Hazlitt („Das Fiasko der Keynes’schen Wirtschaftslehre“). Das Narrativ vom „edlen Sozialismus“ sei laut Baader eine Jahrhundertlüge gewesen; der Kapitalismus habe Millionen Menschen aus der Armut befreit, während der Sozialismus Abermillionen Menschen das Leben gekostet habe.

Von Prollius nahm sich zunächst die Überschrift „Moderner Hexenwahn“ vor. Die Assoziation des Liberalismus mit Begriffen wie Demokratiefeindlichkeit, Materialismus, Egoismus, Wertebeliebigkeit, Dogmatismus und Fundamentalismus – alles Begriffe, die eigentlich mit dem Sozialismus zu assoziieren seien, beruhe auf einer der perfidesten Täuschungen und Desinformationen seit jener von Marx, Engels und Lenin.

Die Totdenker hätten neben Zombieunternehmen auch Zombies jener eifrigen Befürworter der tödlichen Ideologie des Sozialismus geschaffen, und gerade die Deutschen seien für derlei Gedankengut besonders anfällig. Dem Nationalismus und Imperialismus im Kaiserreich sei der nationale Sozialismus gefolgt – und schließlich habe nicht zufällig das SED-Regime im Ostteil den „real existierenden“ Sozialismus geschaffen, der einer Mauer „bedurfte“. Laut Edelman-Trust-Barometer hielten etwa 55 % der befragten Deutschen den Kapitalismus für mehr schädlich als nützlich. Auch in den USA hielten laut einer Gallup-Umfrage 51 % der Befragten den Begriff des „Sozialismus“ für „positiv“ und nur 45 % jenen des „Kapitalismus“. Der Autor Kristian Niemietz beschrieb dazu passend in seinem Buch „Socialism – The failed idea that never dies“ drei Phasen der Realitätsverleugnung der Anhänger des Sozialismus: 1. das Preisen desselben; 2. die Ernüchterung (jedoch immer noch mit Verteidigung des Sozialismus); 3. die Abwendung bei gleichzeitiger Leugnung, dass es sich jemals um Sozialismus gehandelt hätte.

Dem Untertitel des Buches „Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören“ gerecht werdend, zeige Baader in Form einer Anklageschrift den Kopfarbeitern auf, wieviel Schaden sie anrichten können und bereits angerichtet hätten – Gedanken seien der „Anfang von Taten“. Er fordere den Leser auf, solche Ideen von jenen [des Liberalismus] zu unterscheiden, die uns wachsen ließen; diese seien laut von Prollius im Buch etwas zu kurz gekommen. Gleichwohl sei das Buch stets auch ein Vergleich zwischen Sozialismus und Kapitalismus; zwischen autoritärer Herrschaft und einer geschlossenen Gesellschaft einerseits und einer offenen freien als rechtsstaatliche Demokratie andererseits. Am Beginn hätte Baader einen besonders anschaulichen Vergleich bemüht: gebildete Schichten, die die Wahl hätten, würden die Gesellschaft des „Trabi“ jener eines vielfältigeren „Fuhrparks“ vorziehen – dies sei genauso irrational wie das rhetorische Eintreten für die Armen bei gleichzeitiger Kapitalismus-Schelte. Ähnlich auch Ludwig von Mises in „Liberalismus“; dieser sprach dort von einer „krankhaft seelischen Einstellung“; einem neurasthenischen Komplex und einem „neidischem Übelwollen“.

„Totgedacht“ sei allerdings kein „Intellektuellen-Bashing“, sondern das Buch ginge, wie gleich im Vorwort zu lesen, der Frage nach, warum Intellektuelle mehrheitlich dem antiliberalen und antikapitalistischen Spektrum zuzuordnen seien und seit 200 Jahren erfolgreich die Etablierung freiheitlicher Ordnung verhindert hätten. Dazu umreißt Baader im Buch zunächst die Ideologien des Sozialismus, Nationalismus und Etatismus über den Antiliberalismus und Antikapitalismus bis hin zum „Ökoschwindel“. Methodische Werkzeuge dieser Ideologien seien etwa der „Kampf gegen rechts“; die „subtile Wertekonfusion“ und der „Marsch durch die Definitionen“. Antworten auf die Frage nach den Ursachen dieser Freiheitsfeindlichkeit bilden den Hauptteil des Buches; den Abschluss bildet ein Ausblick – die Überschrift: „Wohin? – Der Brennstoff der Hölle“.

Laut von Prollius macht das Potpourri an Ursachen, das die Totdenker auf den Weg zur Knechtung anderer führt, das Buch lesenswert und gleichzeitig auch schwer zu lesen. Der Hauptteil des Buches umfasse eine große Bandbreite unterschiedlich gewichteter Kapitel von Lügenvokabular über Wissensmangel, Karriere und Machtstreben sowie die Anmaßung von Wissen bis zu problematischer Moral und politischer Religion. Erst am Ende würde das Zusammenwirken machtpolitischer Eliten und „wohlfahrtspriesterlicher Intellektueller“ thematisiert, die durch Umverteilung das Diesseitsparadies schaffen wollen und dafür Stabililtät, Frieden und Effizienz der bürgerlichen Gesellschaft zerstören müssen.

Warum dieses Buch, 2002 geschrieben, nach wie vor so aktuell sei? -einmal wegen wohlstandsverwahrloster Jugendlicher, die zusammen mit machtlosen, aber machthungrigen Politikern für den Rückbau der zivilisierten Welt demonstrieren; dies vorgeblich, um „den Klimawandel anzuhalten“. Das beste aktuelle Beispiel hiefür würde die augenöffnenden autobiographischen Skizzen der Familie Thunberg als ein trauriges Selbstzeugnis liefern, das die Diskrepanz zwischen dem betriebenen Verherrlichungskult und der bedauernswerten Zerrüttung dieser Familie aufzeige.

Die größte Utopie bzw. Dystopie seit dem Fall des Eisernen Vorhangs beruhe genau auf den von Baader erläuterten zerstörerischen Ideen. Wie es sich für Gutmenschen gehöre, hätten sie im „Ökoschwindel“ eine neue Religion gegründet, die sich der „Rettung der Natur vor dem Menschen“ widme. Zutage trete hier eine Hybris der intellektuellen Wohlstandskinder, denen es materiell an nichts mangle, die ihren Mitmenschen aber nichts Produktives bieten könne. Der Ökologismus – wichtig: nicht zu verwechseln mit dem alltäglichen Umweltschutz mit friedlichen Mitteln! – sei destruktiv und nicht lösungsorientiert.

Der zweite Grund für die Aktualität des Werkes sei die in Europa im Gange befindliche Kulturrevolution, die uns als „Samtpfotensozialismus“ in Form des Etatismus oder Bürokratismus begegne. Dabei würden nicht dieselben Mechanismen arbeiten, die uns in eine „DDR 2.0“ führen würden, sondern andere, die aber zeitlos seien und sich in schon der Antike ereignet hätten, wie eine Umwidmung und Aushöhlung von Institutionen. Aufgabe der freiheitlichen Intellektuellen wäre eine präzise Begriffsfindung, die es auch erlaube, diese Mechanismen stärker aufzudecken.

Baaders Warnung vor dem „neuen Sozialismus“ war laut von Prollius eine Warnung vor der Hybris der Vernunft und des Steuerungsglaubens der Sozialingenieure, die glauben, ganze Gesellschaften und Volkswirtschaften optimieren zu können. Die Entmündigung erfolge vor allem mittels Propaganda, einer „Umwertung der Werte“ und der Bestechung mit dem eigenen Geld der zu entmündigenden Subjekte. Ein 50 Jahre anhaltendes „Dauerfeuer“ falscher Ideen hätte ein Volk realitätsferner Utopisten geschaffen.

Roland Baader persönlich habe von Prollius als feinen und liebenswürdigen Menschen kennengelernt, der sich in seinem letzten Lebensjahr 2011 noch höchst besorgt über die geistige Verfassung der Gesellschaft gezeigt hätte. 2008, so ein weiterer Exkurs von Prollius‘, soll der Fußballtorwart Oliver Kahn in einer Fernsehsendung mit Johannes B. Kerner gemeint haben, er hätte aufgrund der Lektüre von Baaders Buch „Geld, Gold und Gottspieler“ alle Aktien verkauft, und er hoffe, dass nicht noch mehr von Baaders Prophezeiungen eintreten würden.

Auf einige inhaltliche Aspekte des Buches „Totgedacht“ eingehend, strich von Prollius die Kausalzusammenhänge für die Erläuterung der Entwicklung antiliberaler Ideologien heraus. Im Zentrum stehe die Furcht der Intellektuellen vor einer freien Marktwirtschaft, da dieser eine Bedrohung darstellt für die Adepten der Machbarkeit; hinzu komme ein tiefes Unverständnis über diese, verbunden mit der Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, da die Verdienstmöglichkeiten der „Intellektuellen“ ohne vermarktbare Skills überschaubar seien, da deren steuerfinanzierte Jobs wegfielen. Gerade in der Marktwirtschaft hätte dagegen jeder Job einen Sinn, da der Arbeitgeber sich bei der Schaffung selbiger nach den Bedürfnissen der Menschen auf Märkten richten müsse.

Eine bedeutende politische Grundregel: Das Gärtneraxiom, welches die Aufmerksamkeit wieder auf den Zusammenhang zwischen Handeln und Haften richte. Menschen, die für Handlungen verantwortlich sind, die das politische Gemeinwesen betreffen, dürften nicht als gestaltende „Handwerker“, sondern lediglich als Rahmenbedingungen pflegende „Gärtner“ fungieren. Dieses Axiom weise Staatsdienern eine dienende statt einer herrschenden Rolle zu.

Der Kern sozialistischen Denkens laut Baader sei, dass beinahe jede Unzulänglichkeit bei gesellschaftlichen Institutionen und Traditionen durch „rationale Gestaltung“ korrigiert werden könne – und jede als negativ empfundene Entwicklung könnte durch zentrale Planung und Kontrolle verbessert werden. Dieses Denken zeichne Intellektuelle aus, ohne dass diese sich explizit als Sozialisten verstehen würden.

Wohlstand und Wohlfahrt der Menschen seien das Ergebnis praktischer Lösungen vieler unabhängig handelnder Menschen (dies als Gegensatz zu den „Kopfgeburten“ Intellektueller). Kurz zugespitzt: Sozialismus ist tödlich – Kapitalismus spendet Leben.

Adam Smith sei bereits in seinem Werk „Die Theorie der ethischen Gefühle“ darauf eingegangen, dass liebenswertes Verhalten von der Sehnsucht des Einzelnen nach Anerkennung getriggert würde, getragen durch das Streben nach gutem Handeln. Zugleich fände bei den Handlungen eines Individuums ein stetes Abgleichen mit seinem unparteiischen Beobachter statt. Wir wollen gut behandelt werden und überprüfen unser Handeln danach, ob es die Zustimmung anderer finden würde. Hierin könne man auch den kategorischen Imperativ wiedererkennen. Gute Taten würden einen Dominoeffekt an weiteren guten Taten auslösen, und daher bräuchte es in den meisten Formen unseres Zusammenlebens keinen Staat und keine Gesetze, die mehr schaden als nützen. Gutes Benehmen könne man nicht in Paragraphen gießen, zumal sich die Natur des Menschen durch Gebote nicht ändern ließe. Nudging und Regulierungsvorstellungen würden an der Realität zerschellen oder in totalitäres Verhalten umschlagen. Gutes Verhalten entstünde emergent – ohne Plan oder Anweisung, sondern durch Interaktion. Der Schlüssel zu einem guten Leben sei sohin der Wunsch, geliebt zu werden und sich diese „Liebe“ bzw. Anerkennung durch entsprechendes Verhalten zu verdienen, und nicht das Streben nach Ruhm oder Macht.

Smith‘ zweites großes Werk „Der Wohlstand der Nationen“ sei dagegen auf der gesellschaftlichen statt auf der gemeinschaftlichen Ebene angesiedelt – zusammen ergäbe sich „ein Paar Schuhe“, das verdeutliche, wonach Liberale streben: dass es den Menschen gut gehe – nicht mehr und nicht weniger. Liberalismus sei die Lehre des vielfältigen Nutzens und damit des Wohlergehens des Menschen; dies erfordere vor allem die Unantastbarkeit von Leib, Leben und Eigentum. Genau hier greifen „gutes Verhalten“ auf der persönlichen und die Regeln der Marktwirtschaft auf der abstrakten Ebene ineinander. Dies hätte Baader mit dem Eintreten für eine „Moral der Freiheit“ immer wieder zum Ausdruck gebracht. Die Sozialisten hingegen würden die Ebene der Gemeinschaft immer wieder mit jener der Gesellschaft vermischen – zwei verschiedene Sphären, die nach ganz unterschiedlichen Regeln funktionieren. Aus dieser Vermischung ergebe sich letztlich ein gefährliches Gebräu.

Wie könne es nun sein, dass Kapitalismus Leben spendet, während der Sozialismus tötet – für letzteres genüge schließlich ein Blick nach Hohenschönhausen oder zu den Holocaust-Gedenkstätten? Kapital gehöre nicht „an den Pranger“, sondern sei ein Werkzeug, um Arbeit und Leben produktiver zu machen – der Sozialismus bewirke das Gegenteil. Er könne nicht anders als zu demoralisieren, bis hin zur Zerstörung von Familien, und die Massenverelendung voranzutreiben. Von Prollius brachte das von Anne Applebaum in deren Buch über Stalin verwendete bezeichnende Zitat „wer nicht hungert, ist verdächtig“. So drehe sich die Verelendungsschleife des Sozialismus mit Nahrungsmittelverknappung und Repressionen, wobei eines das andere fortwährend verschärfe. Auch der Zusammenbruch der DDR sei ein solcher der Wirtschaft, des Wohlstandes und der Versorgung im elementaren Bereich gewesen.

Die Zwillingsfrage zum Buchuntertitel, warum Intellektuelle nicht auch der Welt guttun können, kommt laut von Prollius im Buch etwas zu kurz – allerdings sei der von Baader gesetzte Fokus auf das Entlarven von Mythen und Irrtümern verständlich. Ein „Freiheitsfunke“ könne, wie Baader wusste, ausreichen, um die Welt zu verbessern. Weil der Kapitalismus keine Kopfgeburt, sondern ein menschliches „Naturereignis“ sei, würden die Intellektuellen ihn so hassen.

Auch aufs Bildungssystem als einer der Zerstörungsfaktoren unserer Welt ging der Redner ein: dieses sei, wie Josef Kraus (früherer Präsident des deutschen Lehrerverbandes) sagte, ein System von 50 Jahren Umerziehung – und nicht gerade ein Hort des Liberalismus und Kapitalismus, sondern vielmehr eine Hinterlassenschaft der „68er“.

Vielleicht würde Baader eine gedankliche Nähe mit Josef Schumpeter akzeptieren: laut ihm zerstöre sich der Kapitalismus mit seiner grandiosen Wohlstandsmehrung selbst; dies, weil die Intellektuellen mangels Karriere(möglichkeiten) Ressentiments schüren würden, sowie durch die Verdrängung der Eigentümer-Unternehmer durch die Manager – und letztlich deshalb, weil die Bevölkerung ihn „zuwenig unterstütze“. Diese Ideen hätte Schumpeter 1942 zur Zeit der großen Rezession formuliert. Baader schrieb seinerseits zur Zeit des Reformstaus nach der Ära Kohl und des Platzens der Dotcom-Blase ebenso über die herrschenden Ressentiments gegenüber dem „ausbeuterischen“ Kapitalismus, und radikale Ökologen würden die Marktwirtschaft als Umweltzerstörer sehen und würden daher eine Transformation der Gesellschaft nach dirigistischen und bürokratischen Ideen wünschen – diese „bräuchten“ auch keine Innovationen – eine Welt „ohne Wachstum“ sei gewünscht. Eine politisierte Gesellschaft, entstanden durch Verbindung von Big Government und Big Business, hätte eine Art „politischen Kapitalismus“ (siehe Randall Holcombe) geschaffen. Ein solcher ermögliche der politischen Elite eines Landes, die öffentliche Politik nach ihren Interessen zu ihrem Vorteil zu gestalten. „Filzokratie“ und Vetternwirtschaft seien Symptome eines derartigen Systems und nicht jene „des“ Kapitalismus. Privilegien seien im „politischen Kapitalismus“ auf wenige Menschen konzentriert; dies ebenso als Symptom des Sozialismus, das aber fälschlicherweise dem Kapitalismus zugeschrieben würde.

Eine der Stärken Roland Baaders bzw. des behandelten Buches sei gleichzeitig eine kleine Schwäche: die Klarheit, Bestimmtheit und Vehemenz seiner Ausdrucksweise lasse wenig Raum für Verständigung und wohl nicht einmal für eine Akzeptanz der gegnerischen Sichtweise. Bei Henry Hazlitt etwa sei es Teil der Strategie, die gegnerischen Ideen aufzuzeigen und darzulegen, wo deren Probleme stecken, anstatt allein die positive Alternative zu präsentieren. Was ebenso fehlen würde, sei ein positiver Ausblick und das Darlegen eines Gegenmodells, doch dies sei sogar verständlich, da das Buch zum Ausklang des (relativ) „liberalen“ Zeitalters nach dem Ende des Kalten Krieges und vor dem Eintreten der Finanzkrise und dem Bröckeln der Stärke Amerikas und des Westens geschrieben wurde. Dennoch bereite die Lektüre aus den bereits dargelegten Gründen „Freude“, so von Prollius. Dem Leser empfahl er, Lesepausen einzulegen, um die „Entdeckungen“ aus dem Buch einwirken zu lassen – unter anderem, dass die beste aller Welten nicht durch Vernunft entsteht, sondern durch spontane Ordnung eines Entdeckungsverfahrens aus Versuch und Irrtum, und dass sie somit nur besser werden kann durch die unabhängigen Bemühungen vieler. Fehlen würde dem Buch ein Kapitel namens „Gutgedacht – gesundgemacht!“ mit den vielen großartigen Ideen, die unsere Gesellschaft seit der Antike über das gar nicht so dunkle Mittelalter in die sogenannte Moderne getragen haben – dank „Intellektueller“, von deren Ideen wir heute zehren.

Zum Schluss wies von Prollius darauf hin, wie Roland Baader den wichtigsten Unterschied zwischen Freiheit und Sozialismus aufzeigte – dies anhand zweier wichtiger Zitate, wonach in der Marktwirtschaft dank der Marktkräfte und -präferenzen ein Metzgergeselle mehr verdienen könne als ein Schriftsteller; bzw. wonach Planerstellung, Plankontrolle, […], Zuteilungs- und Rationierungswesen, Bespitzelung und Kontrolle, Bürokratie und allumfassendes Funktionärswesen einen so unerschöpflichen Massenbedarf an Schreibtischtätern […] generieren würden, daß es kaum einen halbwegs normal begabten Eierkopf gäbe, der nicht „im System“ Unterschlupf und gesichertes Einkommen finden würde.

Beim Roland-Baader-Treffen, schloss von Prollius, würden Menschen mit Charakter, Gemein- und Eigensinn zusammenfinden – möge von hier aus ganz im Sinne Baaders eine Immunisierung stattfinden gegen die „Zuchtmeister und Hohepriester des dummen und unmündigen Volkes; für Marktwirtschaft, für Freiheit, getragen von der Herrschaft des Rechts und für klares, kluges Denken und Handeln. Roland Baader weist den Weg, damit unsere Welt blühen kann – möge sie im Glanze dieses Glückes blühen.

Link zum Vortrag von Michael von Prollius: https://www.youtube.com/watch?v=A9zEhZVuptY

Nach Michael von Prollius‘ Vortrag erfolgte die Bekanntgabe des diesjährigen Roland-Baader-Preisträgers: Dr. Markus Krall, dessen neues Buch „Die bürgerliche Revolution“ als Blaupause für eine freiheitlich-konservative Bewegung vor der Veröffentlichung stand.

Zusammenfassung des Vortrags von Markus Krall

Markus Krall zog zu Beginn seiner Dankesrede eine Parallele zwischen sich selbst und einer Zigarettenpackung – halb verboten; von den Mächtigen geächtet, aber hoffentlich mit Genuss konsumiert. Auch die Gesundheitswarnung für seine Rede durfte nicht fehlen, da es bei entsprechender „linker“ genetischer Vorbelastung zu Hypertonie und tinnitus aurium kommen könne.

Er überschrieb seine Ausführung mit dem Zitat aus der Apokalypse: „Und ich trat an den Sand des Meeres und sah ein Tier aus dem Meer steigen“ (Offenbarung 13:1). Die Geschichte sei eine Geschichte von Ideenkämpfen. Während Marx und Engels sie als Geschichte von Klassenkämpfen beschreiben mussten, weil ihre gesellschaftliche Idee und ihr menschenfeindliches Zielbild ohne das Gegeneinanderhetzen von Menschen nicht erreicht hätte werden können, stünden sich in Wahrheit zwei unversöhnliche Ideen in einem endlosen Kampf gegenüber. Auf der einen Seite die Idee des Menschlichen, der Freiheit, der gottgewollten Ordnung des freien Willens, der Logik, der Aufklärung. Auf der anderen Seite die Unordnung der Unfreiheit, des „Durcheinanderwerfens“ des Diabolus (so die Wortbedeutung) in der Bibel. Immer neue Namen des Sozialismus würden kreiert; und immer neue „Monstranzen“ trage er vor sich her; und es käme zu einem verstärkten Fokus auf die Einbildung von Problemen, die es in Wirklichkeit nicht gäbe. Dies desto mehr, je besser es den Menschen im Laufe der Geschichte ging. Dank des zumindest ansatzweise vorhandenen Kapitalismus in westlichen Gesellschaften gehe es dem Menschen so gut wie nie zuvor seit dem Auftauchen des homo sapiens – daher sei auch die Notwendigkeit dieser „Einbildung“, dieser Hypochondrie, so groß wie nie.

Beim Aufkommen des Sozialismus in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, angetrieben durch die Schriften Karl Marx‘, sei das „Feindbild“ die vermeintlich vom Kapitalismus verursachte Massenverelendung gewesen. Dass diese Armut in Wahrheit dem Feudalismus geschuldet gewesen sei und die industrielle Revolution sie nur sichtbar machte, da die Menschen voller Hoffnung in die Städte aufbrachen, da der Kapitalismus ihnen ein besseres Leben verhieß, würde bis heute im Diskurs geflissentlich übergangen. Höchstens, dass er die Massenarmut nicht noch schneller eliminiert hätte, könne man dem Kapitalismus des 19 Jahrunderts vorwerfen, dennoch sei es vermessen, dem Kapitalismus vorzuwerfen, die Armut nicht ausreichend besiegt zu haben, da er die einzige Ordnung sei, die solches überhaupt geleistet hätte. Hätte man ihn in Ruhe arbeiten lassen, anstatt das 20. Jahrhundert mit sozialistischen und kommunistischen Experimenten zu pflastern, wäre die Armut, wie schon Roland Baader sagte, heute längst eliminiert.

Stattdessen hätte man im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ ganze Völker und Kontinente um Jahrzehnte zurückgeworfen, dies samt und mittels Kriegen, Beraubungen und Völkermord. Das Credo habe „Sozialismus oder Tod“ geheißen – „geliefert“ wurde der Tod durch Sozialismus. Den Ökologismus, den Baader bereits als „Zerfallsprodukt des Sozialismus“ bezeichnet hätte, sah Krall als das neue biblische „Biest“, das sein Haupt in die Höhe streckt. Er beschrieb das ökologische Utopia mit „idyllischen“ Windräder-Landschaften als kommunistisches Paradies 2.0 – diese „Idylle“ würde jedoch zu nicht weniger verheerenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und menschlichen Kosten führen als die des Marxismus – die menschlichen Kollateralschäden würden sogar noch höher ausfallen. An die Stelle der Massenverelendung sei nun eben die herbeiphantasierte Klimakatastrophe als Angsthypothese getreten, und das sich schnell zum Mainstream mausernde Programm von Bewegungen wie der Extinction Rebellion würde, falls umgesetzt, zum Tod von Milliarden Menschen führen, da ohne moderne Industrie keine moderne Landwirtschaft betrieben werden könne, die die Menschen ernähren könne. Wollte man die Menschheit ausschließlich mit Bioprodukten ernähren, würde dies eine Schrumpfung der Weltbevölkerung um 80 % erfordern – dies würde den Hungertod von 5-6 Milliarden Menschen bedeuten. Daher würde der Mensch bereits jetzt als „Krankheit“ beschrieben, die den Planeten befallen hätte. Ein Völkermord folge als eine Art planetarisches „Antibiotikum“. Der Aufschrei bliebe aus, wenn gefordert würde, die Welt „kinderfrei“ zu machen – auch Kannibalismus dürfe man mittlerweile sanktionslos als „Lösung“ anpreisen.

Nur wenige hätten im 19. Jahrhundert die völkermörderischen Gene erkannt und wurden diese, wie später der nationale und der internationale Sozialismus bewiesen, zu spät erkannt. Ähnlich wie die Salonkommunisten im 19. Jahrhundert, die ihre Ideen an reichlich gedeckten Tischen bei der Oberklasse zum Besten geben durften, würden auch heute die Fridays-For-Future-Kinder mehrheitlich aus der Oberschicht stammen und sich gerne im SUV zur Demo chauffieren lassen – gewandet in Kleidung aus Kinderarbeit, der sie auch gerne Vorschub leisten, wenn es um die Gewinnung der Stoffe für die Autobatterien gehe. Der Ökologismus sei nur die letzte Mimikry einer freiheits- und menschenfeindlichen Idee, die, wie auch Igor Shafarevich in seinem Buch „Der Todestrieb in der Geschichte“ beschrieb, weit in die Geschichte zurückreiche. Das (bereits von den Vorrednern bemühte) Wort „Ökologismus“ sei eine Begriffsschöpfung Baaders; eine einheitliche Selbstbeschreibung hätten sich die ökologischen Bewegungen noch nicht gegeben – sie würden unter einer Vielzahl von Flaggen auftreten; gemeinsam sei ihnen die Farbe Grün.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges sei klar gewesen, dass die sozialistische Planwirtschaft sich in dieser Form nicht durchsetzen würde – Franz Josef Strauß nannte die Sowjetunion bereits in den 1970er Jahren „Obervolta mit Raketen“. Der Ökologismus sei seit den 1960er Jahren als „Rettungsboot“ der scheiternden Sozialisten entwickelt worden. Westeuropa blühte auf, während Osteuropa in der grauen kommunistischen Tristesse versank mit einem Raubbau an Natur und Umwelt durch Kohlekraftwerke und Zweitaktmotoren. Der Club of Rome hätte den ersten Versuch einer propagandistischen apokalyptischen Drohung unternommen. Anfang der 1970er Jahre sei der Bericht über die „Grenzen des Wachstums“ präsentiert worden – laut diesem hätte bereits vor dem Jahre 2000 „Ende im Gelände“ sein sollen. Die beste Widerlegung für die Annahme, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch seien fix korreliert, sei die Computerindustrie – in den 1960er Jahren habe man die Technologie integrierter Schaltkreise noch nicht gekannt, bei der eine große Zahl von Transistoren per Photolithographie auf einem kleinen Chip aufgebracht wird. Wollte man die Rechenleistung der heutigen Mikrochips auf Grundlage der damaligen Technik erstellen, so würde der im Sonnensystem verfügbare Platz „vielleicht“ dafür ausreichen. Wachstum sei sohin nicht an Rohstoffe und Ressourcen, sondern an Wissen gebunden, und da dieses unendlich wachsen könne, sei auch das Wirtschaftswachstum unbegrenzt.

Eine der dargelegten Gleichungen dieses Modells, das in Wahrheit bestenfalls dazu geeignet sei, die Grundprinzipien von Differenzengleichungsmodellen zu erklären, bei denen die Outputwerte als Periode die Inputwerte der nächsten Periode herangezogen würden, sei die Modellierung der Weltbevölkerung gewesen. Hier sei einfach eine Exponentialfunktion fortgeschrieben worden, was sich rückblickend als Humbug erwiesen habe – und da jede einzelne der Prognosen des Club of Rome sich als falsch herausgestellt hätte, sei es erstaunlich, dass man diesem Modell noch so etwas wie Wissenschaftlichkeit attribuiere. Jedes Vorschulkind hätte bei Zukunftsprognosen mehr Treffsicherheit gezeigt.

Die kommunistische Regierung Chinas jedoch hätte diesen Alarmismus zum Anlass genommen, gewaltsam in die Entscheidungen von Millionen von Menschen einzugreifen – bei der Einkindpolitik. Diese würde dafür sorgen, dass China „alt“ sein werde, bevor es „reich“ werde, und würde einmal mehr die völkermörderische Natur des Sozialismus einmal mehr dokumentieren. Das Buch „Totgedacht“ – sowie ebendiesen Buchtitel – rühmte Krall auch in diesem Punkt als „prophetisches Buch“, das zeige, was akademische „Turnübungen“, ausgeführt von Gesellschaftsdemiurgen einer sozialistischen Diktatur, anrichten können.

Die den Sozialismus begründenden Eliten seien immer geschlossene Gesellschaften gewesen, die sich in ordensähnlichen Gemeinschaften oder eben Parteistrukturen organisierten – mit starren Hierarchien mit Top-Down-Entscheidungen und -beförderungen. Dies hätte bei den christlichen Ketzersekten, die seit dem 1. Jahrhundert sozialistische Ideen predigten, begonnen und reiche bis über die Jakobiner bis zu den heutigen Sozialisten. Eine Kontrolle durch das Volk sei nicht vorgesehen, würde aber in den „Volksdemokratien“ vorgetäuscht, um dem Unterdrückungsapparat Legitimation vortäuschen zu können. Dies zeige sich bis heute am sektenähnlichen Charakter der Ökoreligion mit Greta Thunberg als „Priesterin“ und ihrer sich als moderne Gottesmutter Maria gerierenden Mutter. Selbst die Betonung ihres Asperger-Syndroms als Zeichen göttlichen Auserwähltseins fände ein antikes Pendant in dem Glauben der Römer, Menschen mit Epilepsie seien die Lieblinge der Götter gewesen.

Die selbsternannten Eliten verstünden sich als soziale Demiurgen und gesellschaftliche Ingenieure, die von der Vorsehung (ein Lieblingswort Hitlers) auserwählt worden seien, der Welt ihre Vorstellung von der besten Gesellschaft zum vermeintlichen Wohle aller aufzudrängen. Der „Dank“ der Gesellschaft an die Eliten seien die Privilegien, die sie von den Sorgen und Nöten des Alltags entheben; dies als Voraussetzung dafür, dass sie die Zeit zum Denken, Führen und Gestalten finden. Dies sei die Manifestation der Philosophenherrschaft Platons, der als einer der ersten diesem Glauben anhing. Bemerkenswert an den sozialisitschen Eliten der Neuzeit sei die relative Zurückhaltung bei der Akkumulation von Reichtum – ihr eigentliches Aphrodisiakum sei die Macht über den Menschen.

Betrachte man die Ausprägungen, die der Sozialismus mit der Zeit annahm, so zeige sich, dass es im Wesentlichen sein propagandistisches Gewand war, das er dem Zeitgeist und den empfundenen Nöten der Menschen entsprechend neu anlegte. Die Negation der 5 Säulen der Zivilisation von Igor Shafarevich (Individualismus, Ehe und Familie, Eigentum, Religion und Kunst/Kultur/Musik) erweise sich als konstantes Element, nur die Ausprägungen und Gewichtungen würden im historischen Kontext jeweils variieren. Das propagandistische Instrument sei hingegen immer an die empfundenen Bedürfnisse der Menschen angepasst. Die Leere ihrer Lehre zwinge die Sozialisten, das beste Marketing einzusetzen. Dies in Analogie zur Marktwirtschaft: ein gutes Produkt verkaufe sich von selbst – ein schlechtes Produkt benötige umso mehr Marketing. Der Klimasozialismus sei ein gutes Beispiel für die Vermarktung eines schlechten Produkts und die „Leere der Lehre“.

Die Geschichte sei eine Geschichte von Ideenkämpfen. Die Freiheit als gottgewollte Ordnung würde erneut herausgefordert, und die Aufgabe aller aufgeklärten Menschen sei es, so schloss Krall sinngemäß, Freiheit, Wohlstand für die kommende Generation zu erhalten.

Link zum Vortrag von Markus Krall: https://www.youtube.com/watch?v=6lrspVqSr_8

Link zu den Interviews im Anschluss: https://www.youtube.com/watch?v=LNELpxu6-R4

Gegen Ende des Offiziums wurden noch Datum und Ort der eigentlichen Verleihung der Roland-Baader-Auszeichnung genannt. „Dort fliegst du hin“, nahm ich mir damals schon vor. Aus bereits angedeuteten Gründen sollte das Stattfinden der gegenständlichen Veranstaltung nur Tage später mehr als fraglich sein – doch zu dieser Zeit hatte wohl noch kaum jemand derartige Szenarien diverser Grundrechtseinschränkungen auf dem Schirm. Das Inoffizium war im Gange; es wurde gegessen, getrunken, philosophiert. Später am Abend ging das Inoffizium im Café am Kreuz weiter, an dem ich am Vortag vorbeigegangen war – die auf der Tafel angekündigte „geschlossene Gesellschaft“, so stellte sich heraus, waren wir höchstselbst. Wegen Platzmangels ergab es sich, dass ich (Nichtraucher!) in der Raucherzone Platz nahm. Die „Raucherzone“, das war mehr oder minder ein Schanigarten (wie man es bei uns nennt), nach allen Seiten hin mit einer Zeltplane abgedeckt und durch ein Heizschwammerl warmgehalten. „Das ist auch eine kreative Art, eine Raucherzone ‚im Freien‘ zu schaffen, wenn es in geschlossenen Räumen dank staatlicher Verbote nicht mehr erlaubt ist!“, bemerkte ich. Dann mussten mich die Deutschen darüber aufklären, dass Raucherzonen in Lokalen bei ihnen nach wie vor nicht komplett verboten seien – und ich musste ihnen im Gegenzug erklären, dass in Österreich selbst dieses „kleine“ Freiheitsrecht bereits erfolgreich eliminiert worden war. Selbst als Nichtraucher, so betonte ich ihnen gegenüber, könne ich derartige ins Privatleben eingreifende staatliche Freiheitseinschränkungen mit Beschränkungen von Eigentumsrechten nicht goutieren. Dies, zumal diese zusätzliche Auflage vielen Gastronomiebetrieben bereits den wirtschaftlichen Todesstoß versetzt hatte, und das zeitlich noch vor den Corona-Restriktionen.

Mit meinen Tischnachbarn – Freunde von mir – unterhielt ich mich über ein gemeinsames, für Libertäre keineswegs ungewöhnliches, Hobby – den „Präzisionssport“; umgangssprachlich veralternd auch „Sportschießen“ genannt. Was mir bereits beim selben Gesprächsthema auf dem Weg zum und vom Friedhof aufgefallen war: die erste Frage, wenn man erwähnt, dass man ebendieses Hobby betreibt, ist in Deutschland, anders als in Österreich, nicht etwa die, welche „Instrumente“ man denn besitze und verwende, sondern immer: „Bei welchem Verein bist du?“ Dies hat seinen Grund im Vereinszwang, dem man in Deutschland als Sportschütze immer unterliegt – kein Waffenerwerb ohne Vereinszugehörigkeit. Generell ist das Waffenrecht ein Punkt, wo in Deutschland noch weniger Restfreiheit als in Österreich übriggeblieben ist, wenngleich man auch das österreichische Waffengesetz beim besten Willen nicht als liberal bezeichnen kann. Dennoch blieb mir nicht verborgen, dass meine deutschen Freunde das vergleichsweise generöse österreichische Waffenrecht, von dem ich ihnen einiges erzählen konnte, geradezu bewunderten. Einfach nur bei der Einreichung den Selbstverteidigungsparagraphen angeben, und schon ist die Waffenbesitzkarte „shall-issue“? – Leider undenkbar in Deutschland, wo das Recht auf Selbstverteidigung bereits noch weiter ausgehöhlt worden ist als in Österreich. Ein weiteres verlorengegangenes Freiheitsrecht, gilt doch das Recht auf adäquate Verteidigung von Leib und Leben als einer der Lackmustests für die Freiheit in einem Land.

Was mir allerdings bei den Gesprächen positiv auffiel, war die enorme Fachkundigkeit bei den deutschen Hobby-Sportschützen. Der Zwang zur Vereinszugehörigkeit (unbeschadet der eigentlich grundgesetzlich verankerten „negativen Vereinsfreiheit“!) und das ebenso gesetzlich vorgeschriebene regelmäßige Abliefern von Bewerbsergebnissen in den Wettkampfdisziplinen, für die der Schütze das entsprechende Instrument besitzt (bzw. behalten will!), bringt es mit sich, dass dieser sich einen hohen Wissensstand über Munitionsarten, Waffentechnik und Equipment anzueignen gezwungen ist. Auf diese Art konnte ich von den deutschen Schützenkollegen an diesem Abend noch einiges an Fachwissen mitnehmen. „Komm uns doch das nächste Mal in Philippsburg besuchen!“ sagten sie einladend. Gemeint war nicht etwa das Atomkraftwerk, dessen Kühltürme ich auf der Zugsfahrt – Wochen vor deren Sprengung – noch vom Fenster aus hatte sehen können, sondern die Schießanlage, die schönste, größte und bestausgestattete Deutschlands, die, so wie beschrieben, keine Wünsche offenlässt. Sogar eine Campingmöglichkeit gäbe es dort, wie man mir erzählte (was mir von keinem einzigen österreichischen Schießstand bekannt ist). Es gibt sie also noch, die Deutschen (und natürlich auch Österreicher), die trotz staatlicher Restriktionen auf diversen Ebenen sich ihre Freiheitsnischen und -schlupflöcher suchen und finden. Und die sich dessen eingedenk sind, dass man ein Recht, das man nicht ausübt, verliert, da sich die gesetzgebenden Organe nur allzugerne auf die „normative Kraft des Faktischen“ ausreden. Für den österreichischen Sportschützen und Legalwaffenbesitzer stellt es zudem einen Hoffnungsschimmer dar, dass selbst die jahrelange Grünbeteiligung in der deutschen Bundesregierung es noch nicht geschafft hat, den Privatwaffenbesitz komplett zu verbieten. Ein weiteres verbliebenes Alzerl Restfreiheit.

Den besten Beweis für ein „verbliebenes Alzerl Restfreiheit“ jedoch bildete für mich die Tatsache, dass (damals!) derartige Veranstaltungen im Namen der wirtschaftlichen und persönlichen Freiheit (das eine bedingt das andere!) überhaupt noch stattfinden durften. Dass sie ausreichend Publikum aus dem gesamten deutschsprachigen Raum fanden. Dass diesem Publikum noch Lokale zur Verfügung gestellt wurden. Dass man Gesprächsthemen wie die unseren noch unbefangen aufbringen konnte. Alles keine Selbstverständlichkeiten; dennoch ahnte ich zu diesem Zeitpunkt – wir schrieben die Nacht vom „Schalttag“ auf den 1. März! – selbst noch nicht, welche massiven Freiheitseinschränkungen den Österreichern wie den Deutschen nur Tage später noch blühen sollten. Als ich mich am Ende dieses langen Abends von der libertären Community verabschiedete und meine älter werdenden Knochen ins Bett trug, tat ich dies mit dem guten Gefühl, dass doch noch nicht Hopfen und Malz verloren seien – und unter festem Vornehmen eines Wiedersehens beim selben Anlass im kommenden Jahr. Same place, same people – dieses Versprechen hatten wir uns gegenseitig abgenommen.

Am nächsten Tag besuchte ich die Sonntagsmesse in jener Pfarrkirche, deren Glockengeläut zum Zeitpunkt meiner Ankunft zu hören gewesen war. Ob Roland Baader, gleichwohl gläubiger Christ, auch wirklich Katholik war, vermag ich nicht mit letzter Sicherheit zu sagen, da dieser bei der (dankenswerterweise angeführten) Aufzählung der regelmäßigen Gebotsbrüche durch den Sozialstaat die protestantische Nummerierung benützte. Dennoch, so dachte ich, musste er auch hier des Öfteren gewesen sein – zumindest seine Begräbnismesse könnte in dieser Kirche stattgefunden haben, vielleicht viele Jahre davor auch seine Hochzeit.

Vor Beginn der Messe verlas der Pfarrer die neuen Reglements, die der zuständige Bischof im Hinblick auf die neuartige Lungenseuche erlassen hatte: kein Weihwasser; kein Friedensgruß; keine Mundkommunion. Dass dies für eine sehr lange Zeit meine letzte Sonntagsmesse mit physischer Anwesenheit sein sollte, davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt ebensowenig eine Ahnung wie von vielen anderen der bereits angesprochenen Restriktionen. Mein einziger Gedanke – in diesem Moment – war, dass die Corona-Sache, so gefährlich die Krankheit auch verlaufen könne, in Hinblick auf den vorläufig ausgesetzten Friedensgruß wenigstens irgendeinen positiven Aspekt hätte. Dass ich die Sache mit der vorübergehend nicht praktizierten Mundkommunion aus diversen Gründen nicht ganz so problematisch sehe wie meine Freunde aus der tridentinischen Messe, sei hier nur nebenbei erwähnt. Mögen diese mir meine Einstellung zu dieser konkreten Sache, die für manche ein heikles Thema ist, nicht allzusehr übelnehmen. Dass ich, wenn ich mir ein Gebetsanliegen aussuchen müsste, nicht für eine allgemeine alternativlose Wiedereinführung der Mundkommunion, sondern für die Wiedererrichtung einer freiheitlichen Ordnung unserer Gesellschaft beten würde, ebenso. Zumal sich nur in einer solchen ein Klima etablieren kann, in dem eine derartige traditionskatholische „Community“ ein gedeihliches und unbehelligtes Leben ohne staatliche Repressalien führen kann.

Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass nur kurze Zeit später die Sonntagspflicht wegen der Corona-Krise aufgehoben werden und bis auf weiteres auch keine physische Anwesenheit der Gläubigen bei Gottesdiensten mehr gestattet sein sollte – mithin auch das Recht auf freie Religionsausübung keine Gültigkeit mehr hatte. Ich weiß sonst von keiner Diktatur, die solches in dieser Form geschafft hätte – selbst in den rezenten Diktaturen des roten und des braunen Sozialismus fanden nach wie vor Gottesdienste unter Teilnahme von Gläubigen statt, wenn auch vom Regime nicht unbedingt goutiert. Dass ein Handkommunionverbot für sich genommen wenig bringt, wenn man ansonsten mitten in einer Diktatur sein Dasein fristen muss, dafür sind übrigens diverse mittel- und osteuropäische Länder, in denen die Diözesanbischöfe auch zur Kommunistenzeit keine Handkommunion zuließen, das beste Beispiel – soweit ein weiterer Exkurs. Jedenfalls bringt in diesem Punkt eine Seuche zu Ende, was selbst übelste Diktaturen noch nicht geschafft haben, nämlich ein komplettes Verbot des Gottesdienstbesuches für die Gläubigen. Aus diesem Grund bin ich der Überzeugung, dass diese uns von der Regierung auferlegte „Fastenzeit“ der besonderen Art nicht etwa „von Gott“, sondern eher vom Widersacher, dem Diabolus als Durcheinanderwerfer, kommt, denn in einer normalen Fastenzeit besteht wenigstens die Möglichkeit des Gottesdienstbesuches und ist dieser an Sonn- und Feiertagen sogar geboten. Ganz abgesehen davon, dass die „Fastenopfer“ wie etwa Konsumeinschränkungen und -verzichte unter normalen Umständen nicht von einem Regime diktiert werden, sondern dass sich der Gläubige Art und Ausmaß der jeweiligen Fastenopfer selbst mit dem Herrgott ausmacht. Selbst wenn man der Ansicht ist, dass es nicht schade, den „unbändigen Konsum“ vorübergehend zurückzuschrauben, wofür durchaus einiges spricht, bleibt es ein Riesenunterschied, ob dieser Verzicht intrinsisch motiviert oder staatlich oktroyiert ist.

Leider sollte es übrigens auch in meiner traditionalistischen Wiener Pfarre bereits im März zu einigen Corona-Infektionen kommen, und meine Abwesenheit an diesem Sonntag ersparte mir möglicherweise sogar eine Ansteckung durch ein eventuelles physisches Zusammentreffen mit den späteren Corona-Patienten aus meiner Pfarre. Die potenzielle Gefährlichkeit dieser Seuche leugne ich keineswegs, geschweige denn die Existenz derselben – immerhin weiß ich zumindest von einem der besagten Patienten aus der Pfarre, dass dieser trotz seines jungen Alters sogar auf der Intensivstation landen sollte. Dies erwähne ich nur, um zu betonen, dass ich mit Sicherheit kein Verharmloser oder „Leugner“ der Seuche an sich, aka „Coronaleugner“, bin. Auch das Operieren mit solchen Begriffen, womit eine Assoziation zur strafbaren Holocaust-Leugnung hergestellt werden soll (Framing!), ist als Element einer Meinungsdiktatur zu sehen. Der eben erwähnte junge Patient ist übrigens wieder gesundet und engagiert sich heute für die Abschaffung der unverhältnismäßigen gesundheitsdiktatorischen Maßnahmen. Als ein Mensch, der die Krankheit selbst in einer ziemlich heftigen Ausprägung durchgemacht hat, hat er das Recht hierzu mehr als so mancher andere von uns und kann man ihm beim besten Willen keine wie immer geartete „Leugnung“ vorwerfen.

Nach der Messe stieg ich in den Bus (der auch sonntags akzeptable Intervalle aufwies) und fuhr zum Bahnhof. Dort angekommen, wollte ich am Automaten ein stark vergünstigtes, allerdings zugsgebundenes, Ticket nach Stuttgart via Karlsruhe kaufen, doch das System „nudgte“ mich zum Kauf des regulären und teureren Tickets – ein Oberleitungsschaden auf der Strecke war bereits ins System eingepflegt worden. Dies sollte den Beginn einer Zugsodyssee markieren, bei dem ich zunächst in Hockenheim stranden (allerdings nicht mit dem geliebten Auto auf der Rennstrecke, sondern mit dem Trolleykoffer auf dem Bahnhof, auf dem, wie ich feststellte, auch andere Konferenzteilnehmer „hocken“geblieben waren) und dann erst mit mehreren Umwegen und Verspätungen auf dem berühmten alten Bahnhof von Stuttgart ankommen sollte. Das ursprünglich geplante Stuttgart-Sightseeing fand stark verkürzt statt, und als ich endlich in der S-Bahn zum Flughafen saß, fiel mir im Zuge (sic!) dieses Erlebnisses mit der Deutschen Bahn folgender alter Witz ein:
„Anton aus Tirol hat eine Reise nach London gewonnen. Erst lässt er sich von seinem Kumpel mit der Scheibtruhe ins Nachbardorf bringen; dann geht’s mit dem Bus in die Bezirkshauptstadt; von dort fährt er mit dem Regionalzug mit einem Umstieg nach Innsbruck, von dort mit dem Bus nach Kranebitten; anschließend mit dem Flieger nach Heathrow; dann schließlich mit dem Taxi zum Hotel. Zuhause erzählt Anton: „Jo mei, schee is‘ scho, des London, aber a bisserl åbg‘legen!““

Als ich gleich nach der Rückkehr den Flug zum Ort der eigentlichen Preisverleihung buchte, hatte man immer noch keine Ahnung von den Dimensionen der kurz darauf eingeführten corona-bedingten Restriktionen, und auch zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Textes stand noch nicht fest, ob und wann Reisen ins Ausland wieder möglich sein würden – und vor allem: unter welchen Auflagen. Würden überhaupt Flüge durchgeführt werden? Wären wenigstens Bahn- oder Autoreisen möglich? Dürfen Hotels zum Zeitpunkt dieses Events überhaupt wieder aufsperren? Und falls ja: würde man sich vor und nach einer Reise jeweils in eine mehrwöchige Quarantäne begeben müssen? Oder würde das Reisen überhaupt erst wieder nach der Entdeckung eines Impfstoffes mit der Auflage einer Zwangsimpfung samt entsprechendem Passeintrag oder gar implantiertem Chip gestattet? Würde eine Veranstaltung mit einer derart großen Besucherzahl überhaupt genehmigt? Und vor allem: würde man sich solche Luxusgüter wie Reisen nach dem „größten Crash aller Zeiten“ (so Dr. Krall sinngemäß) mit subsequenter Depression und Massenarbeitslosigkeit überhaupt noch leisten können? Noch dazu, wenn uns bereits im Regierungsprogramm eine Flugticketsteuer als prohibitive Maßnahme „fürs Klima“ angedroht worden war?

Fragen über Fragen. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes standen wir bei einer halben Million Arbeitslosen und Personen in Kurzarbeit österreichweit – dies bedingt durch die Untersagung der Geschäftstätigkeiten in jenen Branchen, die die Bundesregierung als „nicht essenziell“ eingestuft hatte (egal, wie essenziell sie auch für die Einkommenserzielung der einzelnen Unternehmer und deren Arbeitnehmer gewesen sein mögen). Das Grundrecht der Geschäftsausübung war weitestgehend ausgehebelt worden, und der aufgelegte „Kurz-Arbeit“-Wortwitz hatte bereits einen gehörigen Bart. Es kannte mittlerweile fast jeder jemanden, der durch die Corona-Politik sein Lebenswerk verloren hatte. Für die geradezu idyllische Ruhe in der Großstadt, die von manchen Leuten geradezu romantisiert wurde, mussten wir alle einen hohen Preis zahlen, nämlich den unserer ohnehin nur mehr rudimentär vorhandenen Freiheit – und viele von uns den ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Was von der beschriebenen Reise bleibt, sind die Erinnerungen an eine Welt, die partout keine perfekte, keine freie, war, aber zumindest ansatzweise noch Restfreiheiten wie die Versammlungsfreiheit, die Konsumfreiheit, die Reisefreiheit und die Freiheit der Religionsausübung gewährte; alles Freiheiten, die ich in diesen Tagen in Waghäusel-Kirrlach noch ausleben durfte – teilweise zum letzten Mal für eine sehr lange Zeit. Leider muss ich in diesem Zusammenhang absichtlich „gewährt“ sagen, denn in einer wirklich freien Welt, in der die – wie Krall sagte – gottgewollte Ordnung des freien Willens gegeben ist, wären die Freiheitsrechte bereits originär vorhanden und gewährleistet und müssten nicht durch „wohlmeinende“ Politiker extra „gewährt“ werden. Wer unsere Politiker kennt, der kann sich ausmalen, dass die einmal unter dem Vorwand „der Sicherheit“, konkrekt: des Seuchenschutzes, per Federstrich abgeschafften Restfreiheiten auch nach Abflachen der Infektionskurve sicher nicht so schnell wieder zurückgegeben werden – beziehungsweise dass bereits vorgenommene „Lockerungen“ nach einem erneuten Anstieg kurzfristig wieder aufgehoben werden. Der Vollständigkeit halber darf ich noch betonen, dass es mir, wenn ich diese Einschränkungen thematisiere, ausdrücklich nicht um mein Privatvergnügen geht, das eben für einige Zeit hintanstehen müsse, sondern um Grundrechte, deren Aufhebung auch jene betreffen wird, die die Maßnahmen derzeit noch begeistert als „notwendige Schritte zur Seuchenbekämpfung“ beklatschen. Das Einstehen für grundlegende Freiheitsrechte, die jedermann zuteil werden, ist nicht etwa Egoismus, sondern das krasse Gegenteil davon, und zu dem oft vorgebrachten Einwand, es ginge schließlich „ums Gemeinwohl“, darf ich ein weiteres Zitat Roland Baaders bringen: „Wenn es möglich wäre, dass „die Allgemeinheit“ Kopfweh hat – alle Menschen zur gleichen Zeit, subjektiv gleich schmerzhaft und aus derselben Ursache heraus –, dann könnte es vielleicht auch so etwas geben wie „das Gemeinwohl“.“
Es bleibt beim Zurückdenken an diese „letzte Reise“ jedenfalls ein schales Gefühl der Wehmut eingedenk der Drohung gewisser Politiker, dass die Welt „nach Corona“ nie mehr dieselbe sein würde.


Anmerkung: dieser Text wurde zur Zeit des Lockdowns während der Corona-Krise geschrieben. Nach der gnädigerweise erfolgten Aufhebung des Lockdowns über die Sommermonate kam es angesichts des erneuten Anstiegs der Anzahl „positiv Getesteter“ bereits im Herbst zu einer Wiedereinführung umfassender staatlicher Verbote und Restriktionen und ist nach wie vor jederzeit mit neuen, noch nie dagewesenen, Aushebelungen von Grundrechten zu rechnen – entsprechende Andeutungen wurden von diversen Politikern bereits gemacht. Die Reise in den Norden Deutschlands zur Verleihung der Roland-Baader-Auszeichnung sollte vom Juni auf den August verschoben werden und unter strengen Vorschriften stattfinden, und an ein Roland-Baader-Treffen 2021 war aufgrund des wiederholten, ja verschärften, Lockdowns im Winter gar nicht zu denken. Ob eine Wiederholung unter halbwegs annehmbaren Bedingungen überhaupt irgendwann stattfinden darf, bleibt abzuwarten und liegt dies in den Händen der „Eliten“. Womöglich hatte ich im Jahre 2020, ohne mir dessen bewusst zu sein, die allerletzte Gelegenheit erwischt.

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