Eine brillante Analyse von Staat, Verfassung, Demokratie und „geordneter Anarchie“

(Andreas Tögel) Die Frage ob und- falls ja – wie viel Staat es bedarf, um Freiheit, Sicherheit und Eigentum der Bürger zu schützen, ist nicht neu. Seit der griechischen Antike beschäftigt der unauflösbare Gegensatz zwischen Sicherheit und Freiheit die hervorragendsten Denker ihrer Zeit. Von Platon über Hegel bis Marx und von Aristoteles über Locke bis Mises wurde überlegt, ob und wie weit die Macht des Staates beschränkt werden kann, soll oder muß – und/oder ob das in der Praxis möglich ist. Letzteres wird von rezenten Libertären wie Hans-Hermann Hoppe angezweifelt. Das Wachstum des einmal etablierten Staates wäre demnach nicht aufzuhalten. Jedes als „Minimalstaat“ in die Welt getretene Konstrukt verwandelt sich im Laufe der Zeit unausweichlich in einen Maximalstaat.

Gegen Politik: Über die Regierung und die geordnete Anarchie

Der polyglotte Kosmopolit und Universalgelehrte Anthony De Jesay hat die um den Staat, dessen Aufgaben und Grenzen kreisenden Gedanken vieler großer Geister studiert, einer kritischen Analyse unterzogen und mit seinen eigenen Betrachtungen ergänzt.

Warum und auf welche Weise es zur Staatsbildung kommt, wer in welchem Ausmaß herrschen soll, Wert und Bedeutung einer Verfassung, Gründe für die Bildung politischer Koalitionen und ob eine staatsfreie, geordnete Anarchie überhaupt möglich ist, bilden den Schwerpunkt der Betrachtungen in diesem Buch.

Darüber, daß das in westlichen Gesellschaften heute geradezu geheiligte, auf allgemeinem, gleichem Wahlrecht beruhende Demokratiemodell tatsächlich der Weisheit letzter Schluß ist, herrscht unter den Gelehrten keineswegs Einigkeit. Demokratie ist kein Wert per se, sondern lediglich eine Methode zur Auswahl des Herrschers, die keineswegs Qualität garantiert. Dass jede Demokratie in der Praxis früher oder später auf einen alle Lebensbereiche durchdringenden Wohlfahrtsstaat, eine immer größere Ausdehnung der Staatsmacht und eine immer weitere Entrechtung der Bürger hinausläuft, ist eine empirische Tatsache. Allerdings besteht insofern Hoffnung, als es, getrieben von der Macht des Faktischen, doch geschehen kann, daß der Weg zum scheinbar unausweichlich dräuenden Sozialismus verlassen wird. So wurde etwa das im Würgegriff marxistischer Gewerkschaften befindliche Großbritannien Ende der 1970er-Jahre von den Tories Margaret Thatchers vor diesem Schicksal bewahrt.

Spieltheoretische Überlegungen, Vertragstheorie, messerscharfe Begriffsdefinitionen und -Abgrenzungen, nehmen breiten Raum in De Jesays einsichtsvollen Betrachtungen ein und helfen dabei, auf falschen Prämissen beruhende Schlußfolgerungen zu vermeiden – was etwa dann geschieht, wenn man Rechte zu etwas und die Freiheit von etwas miteinander verwechselt.

„Gegen Politik“ ist keine Anfängerlektüre. Wem die Beschäftigung mit Staatstheorie und Ideengeschichte indes nicht ganz fremd ist, findet hier eine in eleganter Sprache und nicht ohne Ironie verfasste Abhandlung zur Frage der Verfasstheit des „liberalen Rechtsstaates“. Unbedingt lesenswert!

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