Warum Privatsphäre wichtig ist

Transskript eines TED-Talks von Glenn Greenwald von Oktober 2014: Es gibt ein ganzes Genre an YouTube-Videos, das einer Erfahrung gewidmet ist, die bestimmt jeder hier im Saal kennt. Es geht dabei um eine Person, die sich im Glauben, alleine zu sein, ausgelassen Ausdruck verleiht — wildes Singen, Hüften schwingendes Tanzen, ein paar moderat sexuelle Aktivitäten. Doch die Person muss entdecken, dass sie eigentlich nicht alleine ist, dass da jemand heimlich zuschaut. Diese Erkenntnis bringt sie dazu, sofort entsetzt innezuhalten. Das Schamgefühl und die Erniedrigung sind in den Gesichtern spürbar. So nach dem Motto, „Ich würde das nur machen, wenn niemand zusieht.“

Das ist der Haken an der Sache, auf die ich mich seit 16 Monaten konzentriere: die Frage, warum Datenschutz wichtig ist. Eine Frage, die im Kontext einer globalen Diskussion aufkam, die durch Edward Snowdens Enthüllung möglich wurde, dass die USA und ihre Partner, ohne das Wissen der gesamten Welt, das Internet verändert haben. Sie haben das einst als bislang beispiellos gepriesene Mittel der Befreiung und Demokratisierung in eine bislang beispiellose Zone der wahllosen Überwachung der Massen verwandelt.

Es gibt eine weit verbreitete Haltung, die in dieser Debatte selbst bei jenen aufkommt, denen bei Massenüberwachung unbehaglich ist, die besagt, es entstehe kein wirklicher Schaden durch diesen großflächigen Eingriff, weil nur Leute, die schlechte Dinge tun, Grund haben sich zu verstecken und auf Datenschutz zu achten. Diese Sicht der Welt basiert auf der impliziten Annahme, es gäbe zwei Arten von Leuten in der Welt: gute und schlechte Menschen. Die Schlechten planen Terroranschläge oder begehen Gewaltverbrechen und haben darum Gründe, ihr Tun geheimhalten zu wollen und sich um ihre Privatsphäre zu scheren. Im Gegensatz dazu sind gute Leute solche, die arbeiten gehen, heimkommen, ihre Kinder erziehen, fernsehen. Sie nutzen das Netz nicht, um Bombenanschläge zu planen, sondern um die Nachrichten zu lesen, Rezepte auszutauschen oder die Vereinsspiele ihrer Kinder zu planen. Solche Leute haben nichts verbrochen und haben daher nichts zu verbergen und keinen Grund zu fürchten, dass der Staat sie überwacht.

Die Leute, die das sagen, würdigen sich auf extreme Weise selbst herab. Denn eigentlich sagen sie damit: „Ich habe zugestimmt, mich zu einer so harmlosen, wenig bedrohlichen und uninteressanten Person zu machen, dass ich es nicht fürchte, wenn der Staat weiß, was ich tue.“ Diese Denkweise fand ihren, wie ich meine, reinsten Ausdruck 2009 in einem Interview mit dem langjährigen CEO von Google, Eric Schmidt, der auf die Frage nach den diversen Wegen, auf denen seine Firma die Privatsphäre von Hunderten von Millionen Menschen in der Welt missachtet, antwortete: „Wenn Sie etwas tun, das Sie andere nicht wissen lassen wollen, dann sollten Sie es vielleicht von vornherein nicht tun.“

Zu dieser Mentalität kann man alles Mögliche sagen. Zuallererst wohl, dass Leute, die das sagen, die meinen, Datenschutz sei nicht wichtig, das selbst nicht glauben. Dass sie das nicht glauben, sieht man daran, dass sie, während sie beteuern, Datenschutz sei unwichtig, ihren Taten nach alle möglichen Schritte unternehmen, um ihre Privatsphäre zu schützen. Sie verwenden Passwörter für E-Mails und Profile in sozialen Netzwerken. Sie haben Schlösser an Schlaf- und Badezimmertüren. Alles Schritte, um andere davon abzuhalten, in das einzudringen, was sie als Privatbereich ansehen, und zu erfahren, was sie andere nicht wissen lassen wollen. Eben dieser Eric Schmidt, der CEO von Google, untersagte seinen Mitarbeitern bei Google, mit dem Online-Internetmagazin CNET zu kommunizieren, als CNET einen Artikel voller persönlicher und privater Informationen über Eric Schmidt veröffentlichte, die man ausschließlich durch Google-Suchen und andere Google-Produkte erlangt hatte. (Gelächter) Dieselbe Unterscheidung kann man beim CEO von Facebook, Mark Zuckerberg, beobachten, der 2010 in einem berüchtigtem Interview erklärte, Privatsphäre sei nicht länger eine — ich zitiere — „soziale Norm“. Letztes Jahr haben Mark Zuckerberg und seine neue Frau nicht nur ihr eigenes Haus gekauft, sondern auch die vier angrenzenden Häuser in Palo Alto für 30 Millionen Dollar, nur um sich den Genuss eines privaten Areals zu sichern, das andere daran hindert, zu beobachten, was sie in ihrem Privatleben tun.

In den ganzen 16 Monaten der globalen Debatte, jedes Mal, wenn jemand zu mir sagte: „Um meine Privatsphäre sorge ich mich kaum, ich habe nichts zu verbergen“, erwidere ich stets dasselbe. Ich nehme einen Stift und notiere meine E-Mail. Ich sage: „Hier ist meine E-Mail. Wenn Sie heimkommen, will ich, dass sie mir all Ihre Passwörter für all Ihre E-Mail-Konten senden, nicht nur vom netten, respektablen mit Ihrem Namen für die Arbeit, sondern alle. Denn ich möchte in der Lage sein, in dem zu wühlen, was Sie online tun, zu lesen und zu veröffentlichen, was ich interessant finde. Wenn Sie kein schlechter Mensch sind, wenn Sie nichts Falsches tun, dann sollten Sie nichts zu verbergen haben.“

Nicht ein Einziger ist auf meinen Vorschlag eingegangen. Ich kontrolliere und — (Applaus) Ich kontrolliere mein E-Mail-Konto gewissenhaft und ständig. Es ist ein trostloser Ort. Es gibt einen Grund dafür: Wir Menschen — selbst jene, die in Worten die Bedeutung der eigenen Privatsphäre dementieren, — begreifen instinktiv deren grundlegende Wichtigkeit. Es stimmt: Als Menschen sind wir gesellige Tiere. Wir haben das Bedürfnis, dass andere wissen, was wir tun, sagen und denken. Es ist der Grund, weshalb wir freiwillig online Dinge über uns selbst preisgeben. Um als Mensch frei und erfüllt zu sein, ist es jedoch genauso wichtig, dass man einen Ort findet, wo man hingehen und frei von den wertenden Blicken anderer Leute sein kann. Es gibt einen Grund für dieses Bedürfnis, und unser Grund ist, dass wir alle — nicht nur Terroristen und Schurken –, dass wir alle Dinge zu verbergen haben. Es gibt alle Arten von Dingen, die wir tun und denken, die wir unserem Arzt mitteilen würden oder unserem Anwalt, dem Psychologen oder dem Lebenspartner, dem besten Freund, die uns zutiefst peinlich wären, würde der Rest der Welt sie erfahren. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen über die Art von Dingen, die wir sagen und tun, die wir bereitwillig mit anderen teilen, und jene Dinge, die wir sagen, denken und tun, von denen keiner wissen soll. In Worten ist es Leuten ein Leichtes zu behaupten, ihnen läge nichts an ihrer Privatsphäre, ihre Taten aber widerlegen die Wahrhaftigkeit dieser Überzeugung.

Es gibt einen Grund für das umfassende und instinktive Sehnen nach Privatsphäre. Es ist nicht bloß ein Reflex wie Atmen oder Wasser trinken. Der Grund ist: Wenn wir in einer Situation sind, in der man uns überwachen, in der man uns zusehen kann, verändert sich unser Verhalten dramatisch. Das Spektrum von Verhaltensoptionen, die wir erwägen, wenn wir uns beobachtet fühlen, verringert sich drastisch. Das ist ein Fakt der menschlichen Natur, der in der Gesellschaftswissenschaft, in der Literatur, in der Religion und in nahezu jeder Disziplin anerkannt wird. Dutzende psychologische Studien belegen: Wenn Leute wissen, dass man sie beobachten könnte, ist ihr Verhalten wesentlich konformistischer und fügsamer. Menschliche Scham ist ein mächtiger Motivator, wie auch der Wunsch, sie zu vermeiden. Dies ist der Grund, warum Leute, wenn sie beobachtet werden, Entscheidungen treffen, die nicht ihrem ureigensten Verhalten entspringen, sondern den Erwartungen, die andere in sie setzen oder auf den Diktaten einer gesellschaftlichen Lehrmeinung beruhen.

Am effektivsten für pragmatische Ziele genutzt, wurde diese Erkenntnis im 18. Jahrhundert von dem Philosophen Jeremy Bentham. Er setzte sich die Lösung eines wichtigen Problems der Industrialisierung zum Ziel, als Institutionen erstmals so groß und zentralisiert waren, dass man nicht mehr jedes Mitglied überwachen und kontrollieren konnte. Die Lösung, die er unterbreitete, war ein Architekturentwurf, der ursprünglich für Gefängnisse gedacht war. Er nannte ihn das Panoptikum. Sein Hauptmerkmal war der Bau eines enormen Turms in der Mitte der Anstalt. Von dort konnte der, der die Anstalt leitete, jeden Insassen stets beobachten, auch wenn er nicht alle gleichzeitig und immer beobachten konnte. Das Entscheidende an dem Entwurf war, dass die Insassen nicht in das Panoptikum, in den Turm, hineinschauen konnten. Sie wussten also nie, ob und wann sie beobachtet wurden. An dieser Entdeckung begeisterte ihn, dass die Insassen würden annehmen müssen, dass sie zu jeder Zeit beobachtet würden, was sie endgültig zu Gehorsam und Wohlverhalten zwingen würde. Der Philosoph Michel Foucault erkannte im 20. Jahrhundert, dass man dieses Modell nicht nur für Gefängnisse nutzen konnte, sondern für jede Institution, die menschliches Verhalten zu kontrollieren trachtet: Schulen, Kliniken, Fabriken, Arbeitsplätze. Und Foucault sagte, diese Denkweise, diese Struktur, die Bentham aufdeckte, sei der Schlüssel zur sozialen Kontrolle moderner, westlicher Gesellschaften, die die offenkundigen Waffen der Tyrannei nicht länger benötigen — das Bestrafen, Inhaftieren oder Töten von Dissidenten oder die per Gesetz erzwungene Treue zur einer bestimmten Partei –, denn Massenüberwachung schafft ein Gefängnis im Kopf, ein viel subtileres, aber viel effektiveres Mittel, um das Befolgen sozialer Normen oder gesellschaftlicher Ideologie zu fördern — viel effektiver, als rohe Gewalt es je sein könnte.

Der Inbegriff eines literarischen Werks über Privatsphäre und Überwachung ist George Orwells Roman „1984“, den wir alle in der Schule lesen und der darum schon fast ein Klischee ist. Erwähnt man ihn in einer Debatte um Überwachung, winken die Leute sofort ab, weil er nicht übertragbar sei. Sie sagen: „Nun ja, in ‚1984‘ gab es Monitore in den Wohnungen der Leute. Sie wurden zu jedem Zeitpunkt überwacht. Das hat nichts mit der Überwachung zu tun, der wir ausgesetzt sind.“ Dies ist ein grundlegender Trugschluss über die Warnungen, die Orwell in ‚1984‘ aussprach. Seine Warnung bezog sich auf einen Überwachungsstaat, der nicht etwa jeden dauernd beobachtete, sondern in dem jeder wusste, dass er jederzeit beobachtet werden konnte. So beschreibt Orwells Erzähler, Winston Smith, das Überwachungssystem, dem man ausgeliefert war: „Man konnte freilich nie erkennen, ob man in einem bestimmten Moment beobachtet wurde.“ Er sagte weiter: „Wie auch immer, sie konnten dich belauschen, wann sie wollten. Du warst gezwungen, zu leben — lebtest –, aus Gewohnheit, die zum Instinkt wurde, in der Annahme, dass jedes Geräusch, das du machtest, mitgehört wurde und, außer im Dunkeln, jede Bewegung hinterfragt wurde.“

Die abrahamitischen Religionen postulieren in ähnlicher Weise die Existenz einer unsichtbaren allwissenden Autorität, die aufgrund ihrer Allwissenheit stets beobachtet, was man tut — das bedeutet, dass man nie private Momente genießt –, die Macht schlechthin, um Gehorsam gegenüber ihren Geboten durchzusetzen.

Was all diese scheinbar unterschiedlichen Werke anerkennen, der Schluss, zu dem sie alle gelangen: Eine Gesellschaft, in der Menschen zu jedem Zeitpunkt überwacht werden können, ist eine Gesellschaft, die Konformismus, Gehorsam und Unterwürfigkeit hervorbringt. Das ist der Grund, warum jeder Despot, vom offenkundigsten zum subtilsten, nach diesem System giert. Umgekehrt und noch wesentlicher: Es ist ist die Privatsphäre — die Fähigkeit, an einen Ort zu gehen, wo wir nachdenken und argumentieren und interagieren und sprechen können, ohne den wertenden Blicken anderer ausgesetzt zu sein –, wo allein Kreativität, Ergründung und Dissens ihren Sitz haben. Das ist der Grund, weshalb wir, wenn wir die Existenz einer Gesellschaft zulassen, in der wir steter Überwachung ausgesetzt sind, gestatten, dass der Wesenskern menschlicher Freiheit in schlimmster Weise gelähmt wird.

Mein letzter Punkt, den ich zu dieser Haltung anmerken möchte: Der Gedanke, dass nur, wer etwas Falsches tut, etwas zu verbergen und daher Grund zur Sorge um seine Privatsphäre hat, verankert zwei höchst zerstörerische Botschaften, zwei destruktive Lektionen: Die erste ist, dass die Einzigen, die sich um Datenschutz kümmern, die Einzigen, die nach Privatsphäre streben, per Definition schlechte Menschen sind. Dies ist eine Schlussfolgerung, die wir aus vielen Gründen vermeiden sollten. Der wichtigste ist: Wenn Sie sagen, „jemand tut schlechte Dinge,“ meinen Sie wahrscheinlich das Planen von Terroranschlägen oder die Verwicklung in Gewaltverbrechen, eine wesentlich strengere Definition, als die, die Machtinhaber meinen, wenn sie vom „schlechte Dinge tun“ sprechen. Für Letztere heißt „schlechte Dinge tun“ oft etwas, das die Ausübung ihre Macht nachhaltig in Frage stellt.

Die andere, wirklich destruktive und, wie ich meine, sogar tückischere Lektion, die der Annahme dieser Haltung entspringt, ist die implizite Abmachung, die jene eingehen, die diese Denkweise akzeptieren: Wenn Sie einverstanden sind, sich ausreichend harmlos machen, so wenig bedrohlich wie nötig, gegenüber jenen mit politischer Macht, dann, und nur dann, können Sie von den Gefahren der Überwachung frei sein. Es sind nur die Dissidenten, die der Macht die Stirn bieten, die etwas zu fürchten haben. Es gibt unzählige Gründe, warum wir auch diese Lektion meiden sollten. Sie mögen eine Person sein, die zur Zeit keine Absicht hat sich so zu verhalten, aber irgendwann in der Zukunft wollen Sie es vielleicht doch. Selbst wenn Sie jemand sind, der beschließt, das nie zu wollen, die Tatsache, dass es andere gibt, die bereit und fähig sind, zu widerstehen und Machtinhabern die Stirn zu bieten — Dissidenten und Journalisten und Aktivisten und viele, viele andere –, die unser aller gemeinsamen Nutzen dient, nach deren Erhalt wir streben sollten. Ähnlich entscheidend ist, dass die Freiheit einer Gesellschaft nicht daran gemessen wird, wie sie gute, gehorsame und fügsame Bürger behandelt, sondern wie sie ihre Dissidenten behandelt und jene, die sich ihren Lehren widersetzen. Aber der allerwichtigste Grund ist, dass ein System der Massenüberwachung unsere Freiheit auf unterschiedlichste Weise unterdrückt. Es lässt alle möglichen Formen des Verhaltens unangemessen wirken, ohne dass wir uns bewusst wären, wie es dazu gekommen ist. Die berühmte Sozialistin Rosa Luxemburg sagte einmal: „Wer sich nicht bewegt, der spürt seine Fesseln nicht.“ Wir können versuchen, die Fesseln der Massenüberwachung unsichtbar oder nicht wahrnehmbar zu machen, aber die Beschränkungen, die sie uns auferlegen, werden dadurch um nichts geringer.


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